Samstag, 5. September 2015

Schnipo Schranke: Gehenlassen

Schnipo Schranke
„Satt“
(Buback Tonträger)

Über unser Verhältnis – oder besser doch Missverhältnis – zu Körperflüssigkeiten jeglicher Art haben wir schon vor Jahren einiges lernen dürfen. 2008 erschien Charlotte Roche‘s Roman „Feuchtgebiete“ und wurde von einem medialen Rummel begleitet, der zwar nicht angemessen, aber sehr bezeichnend war. Frauen, die über sexuelle Bedürfnisse und Neigungen auch außerhalb der von der Gesellschaft in stillem Einvernehmen gesetzten Schamgrenzen reden, werden auch heute noch gefürchtet oder belächelt. Dabei spielt der Rahmen, in dem das geschieht, eine entscheidende Rolle, denn solange sie dies in den dafür vorgesehenen, gern abgedunkelten Nischen tun, wird es beiläufig und als Randerscheinung abgetan – drängen sie damit aber, wie Roche, in die Öffentlichkeit, bekommt das ganz schnell etwas Bedrohliches und Unangenehmes.

Die Parallelen zu Roche (und im weiteren Sinne meinentwegen auch Sibylle Berg oder Peaches) sind nun keineswegs neu oder originell, besingen Daniela Reis und Fritzi Ernst als Schnipo Schranke doch in ihren Texten ähnlich ungefiltert, aber sehr unterhaltsam ihre gelegentlichen Sehnsüchte, Verwünschungen, Begehrlichkeiten, Gelüste. Was sich auf die ersten Takte wie kindlich kitschige Kühlschrankpoesie ausnimmt, enthält doch ein hohes Maß an Ehrlichkeit und Offenheit, mit der umzugehen sicher nicht jedermanns Sache ist. Wer hört schon gern von freiwilliger Erniedrigung, von Zurückweisung, gekränkter Eitelkeit, maßloser Enttäuschung? Wer gibt gern zu, dass ein schneller Fick mit Haut und Haar mehr Befriedigung brächte als endlose Schwärmereien? Und wer wollte bestreiten, dass am Ende allen leidenschaftlichen Getues nicht selten doch nur befremdlicher Gestank und seltsame Peinlichkeit auf einen warten?

Der Vortrag im heimischen Biotop, der Hamburger Kiezkneipe also, bringt den beiden zweifellos viel Beifall, hört man sich die Lieder von „Satt“ dagegen (wie kürzlich geschehen) inmitten des distinguierten Stammpublikums einer Münchner Künstlervilla an, registriert man doch einiges Befremden, irritiertes Lachen und pikiertes Kopfschütteln. Das muss wohl so – dabei sind die Stücke im geschmeidigen Easy-Listening-Kostüm wunderbar amüsant: Der kurzgefaßte und sachdienliche Einstieg („‘ne Kurze und ‘ne Kranke, zwei Peanuts - ein Gedanke, Lebensmotto ‚Drauf geschissen‘/Schnipo Song), das Hoch auf’s besinnungs- und niveaulose Besäufnis an der Strandbar („Cluburlaub“), ein Liebesgeständnis für Darth Vader („Herzinfarkt“) und natürlich der Abschiedsgruß an die geschändete „Tamponade“ – „ganz tief unter diesem Städtchen findest Du ein neues Mädchen – Bon Voyage, am Arsch!“ Soll das ruhig jede/r halten, wie er oder sie will – entspanntere, witzigere Wortmeldungen werden sich momentan dazu kaum finden lassen. https://de-de.facebook.com/SchnipoSchranke

Tourdaten von Schnipo Schranke bei Buback Konzerte

Donnerstag, 3. September 2015

Public Image Ltd.: Die Revolution frisst ihre Väter

Public Image Ltd.
„What The World Needs Now“
(PiL Official)

Die Freude über ein abermaliges Album ist bei Helden der eigenen Jugendzeit natürlich selten eine ungetrübte, immer schwingen düstere Vorahnungen, Befürchtungen und Vorbehalte mit. Wobei – die letzte Platte „This Is PIL“ war die schwerere, nach ganzen siebzehn Jahren nicht mehr zu erwarten und alles in allem dann gar nicht so übel. Die Live-Auftritte vor Augen, die Gedanken an Lydons eher peinliche Gastrolle bei „I’m A Celebrity...“ nicht aus dem Kopf zu bekommen, hatte man mit dem totalen Fiasko gerechnet und bekam doch ordentlich Dampf – der Mann ätzte und schäumte immer noch ganz prächtig, fette Dub-Loops und stampfende Math-Gitarren machten die P.I.L.-Zone erträglicher als gedacht und Stücke wie die überdrehte „Lollipop Opera“ oder das wuchtige „Out Of The Woods“ vermochten einen fast gänzlich zu versöhnen. Dennoch – besser würden es die Jahre nicht machen, wie lange ließ sich das wenigstens (durch)halten, ohne ähnlich belanglos oder gar albern zu wirken als beispielsweise die Stranglers oder The Damned?

Nun, die Antwort lautet: Es hätte wohl schlimmer kommen können. Was allerdings auch bedeutet: Es ist nicht berauschend geworden. Der Biss ist der neuen Platte weitestgehend abhanden gekommen, P.I.L. hören sich, man möchte es kaum hinschreiben, größtenteils so brav alternativ-rockig an wie R.E.M. ohne Michael Stipe und auch die kürzlich noch dumpf wummernden Synthiepassagen sind jetzt allzu flächig und – ja, poppig geworden. Nach den bissigen Einstandsnummern „Double Trouble“ und „Know Now“ ist die Luft erst mal raus, die bemüht zynische Lobeshymne an das „greatest pornographic country of the world“ („Betty Page“) kommt als müde Blaupause von Rammsteins „Amerika“ daher und für „C’est La Vie“ verlegt sich Lydon auch noch auf’s Croonen.

Würden sich die vier Herren am Ende nicht wieder fangen, es wäre bei einer dicken Enttäuschung geblieben. So jedoch schaffen es Firth, Edmonds, Smith und vor allem Lydon, für die letzten Stücke wieder an Schärfe zuzulegen, „I’m Not Satisfied“ nimmt schon mal Fahrt auf, bevor dann „Corporate“ und vor allem das technoid gewaltig pumpende „Shoom“ die Katastrophe noch abwenden können. Lydon rappt und toastet sich in die gewohnte Rage, „murderer“ und „bollocks“ immer und überall, die Botschaften erwartet simpel, aber punktgenau und die Lösung zur Losung ist auch endlich geklärt: „What the world needs now – is another ‚Fuck Off‘!“ Das mag manchem etwas eindimensional und platt erscheinen, aber was wenn nicht solche Worte hatte man von einem nimmermüden Lautsprecher und in’s gehobene Alter gekommenen Punkveteran denn erwartet? Schlußendlich: Eine Pflichterfüllung, mehr nicht, auch nicht weniger – die Revolution aber findet jetzt woanders statt. http://www.pilofficial.com/

13.10.  Mannheim, Alte Seilerei
14.10.  Ludwigsburg, Rockfabrik
15.10.  Berlin, Columbiahalle
17.10.  Bochum, Zeche

Mittwoch, 2. September 2015

Battles: Lass schmecken!

Zusammen mit Chk Chk Chk sind die Battles, soviel steht fest, eindeutige Anwärter auf den Jahresendsieg in der Kategorie Albumcover - der Nachfolger ihres letzten Albums "Gloss Drop" wird auf den bemerkenswerten Namen "La Di Da Di" hören und dem pinkfarbenen Gewölle folgen nun absonderliche Food-Kreationen. So absurd die Bilder, so gewöhnungsbedürftig der Sound - der Progpop des Trios aus Brooklyn ist nicht unbedingt gefälliger geworden, wovon "The Yabba" und auch das neue Stück "FF Bada" hier zeugen dürfen.

Say Yes Dog: Computerliebe

Natürlich erinnern Spielwitz und Attitüde gehörig an die Hochzeit der 80er, dennoch vertragen sich Say Yes Dog auf Beste mit dem Hier und Jetzt: Das Trio, eine Arbeitsgemeinschaft aus Berlin und Luxemburg, wird in den nächsten Wochen viel Zeit darauf verwenden, sein Debüt "Plastik Love", eine quicklebendige Mixtur aus Maschinenmusik und smartem LoFi-Pop auf Diskodogs Records, unter die Leute zu bringen - drei Stücke davon hier vorab im Stream, den Rest dann live auf folgenden Bühnen.

07.10.  Berlin, Badehaus
09.10.  Innsbruck, Kaunertal
28.10.  Leipzig, Täubchenthal
29.10.  Mainz, Schon Schon
30.10.  Freiburg, Rang Teng Teng
31.10.  Basel, Lady Bar
08.11.  Hamburg, Uebel Und Gefährlich
09.11.  Köln, Yuca
10.11.  Dortmund, Sissikingkong
11.11.  München, Milla
12.11.  Wien, Rhiz
16.11.  Stuttgart, Keller Club
17.11.  Nürnberg, Club Stereo

Inspired And The Sleep: Gegenbeweis

Psychedelischer Indiepop - wie leicht der klingen kann, beweisen gerade zwei junge Männer aus San Diego: Sänger und Songwriter Max Greenhalgh hat sich unter dem Pseudonym Inspired And The Sleep mit Soundtüftler Bryce Outcault zusammengetan, gemeinsam planen sie für Oktober die Veröffentlichung ihrer neuen EP "Eyelid Kid". Von dieser gibt es hier die Tracks "Time Travel", "Sleeps Well On Knives" und - ganz aktuell - "In My Labyrinth Mind" zu hören.

Montag, 31. August 2015

Destroyer: Nimmermüde

Destroyer
„Poison Season“
(Merge)

“I’m now supposed to be attracting the ears of people who have more in common with my daughter than have in common with me” (SPIN), ein Satz, in den sich viel Wehmut packen läßt, wenn man das Leben nicht gerade so aufgeräumt reflektiert wie Daniel Bejar. Der Mann also, dem es unter dem Moniker Destroyer seit gut fünfundzwanzig Jahren gelingt, seine Anhänger (welchen Alters auch immer) mit unermüdlicher Neugier und dem damit verbundenen Facettenreichtum seiner Musik zu begeistern. Kaum eines seiner mittlerweile zehn Studioalben gleicht dem anderen, die stilistische Vielfalt verblüfft immer wieder – hatte er noch vor vier Jahren mit seinem bisherigen Meisterstück „Kaputt“ dem Synthpop der 90er auf bemerkenswert zarte Weise zu erneuter Blüte verholfen, tauscht er nun für „Poison Season“ die soften Beats und klassischen Songstrukturen gegen konzertante Scores und fulminanten Bigbandsound.

Die Dichtheit und Komplexität der aktuellen Stücke hat mit der Anzahl der verwendeten Instrumente und Tonspuren deutlich zugelegt, viele von ihnen erinnern deshalb nicht selten an die Kompositionen von Rufus Wainwright oder Ben Folds. Geklammert wird die Platte vom dreigeteilten „Times Square“, einer schwelgerischen Liebererklärung, mal Kammermusik, dann in der Vollversion als opulentes Orchesterwerk mit sattem Blech plus anschmiegsamem Saxophon und süffigen Streichern zum finalen Fadeout. Bejars Songs sind auf anspruchsvolle Art vollgepackt – schwungvolle Nummern wie das wild flackernde „Dream Lover“, jazzy hier („Forces From Above“), als Moritatenbegleitung dort („Hell“), bei „Archer On The Beach“ liefern sich Gitarre und Sax einen ausgeglichenen Wettstreit, „Midnight Meet The Rain“ wiederum kommt mit 70er-Reminiszenzen und Psychrockanleihen daher.

Um keine Idee verlegen, läßt der gebürtige Kanadier den Zuhörer erst im letzten Drittel etwas Zeit zum Atemholen – „Solace’s Bride“, „Bangkok“ und „Sun In The Sky“ klingen vergleichsweise zurückhaltend und laid back. Trotzdem: Ganz offensichtlich bereitet es Bejar und seiner kleinen Band viel Vergnügen, die neuen Stücke zu gleichen Teilen mit wunderbaren Melodien und künstlerischer Extravaganz zu füllen, dass dies nicht danebengeht, ist wohl zu gleichen Teilen seiner jahrelangen Erfahrung und der Qualität seines Songwritings und der Mitmusiker geschuldet. Für die nachfolgende Tour haben Destroyer vor allem kleinere Clubs und Theaterbühnen gewählt, man darf gespannt sein, mit welchem Aufwand und Personal Bejar das aktuelle Album zu präsentieren gedenkt. http://www.mergerecords.com/destroyer

09.11.  Luzern, Südpol
10.11.  Lausanne, Le Romandie
11.11.  St. Gallen, Palace
12.11.  Wien, Szene
13.11.  München, Kammerspiele
14.11.  Köln, Luxor
15.11.  Berlin, Lido

Motörhead: Sympathieträger

Wenn sich die Hochkultur, also das Feuilleton, um den Heavy Metal kümmert, ist strengste Vorsicht geboten - zu oft lädt der Nerd, gekleidet in ein frisch gebügeltes Mötley-Crüe-Shirt von Amazon, zur Fremdscham ein und verkriecht sich hernach schnell wieder hinter das Airbook. Die Süddeutsche Zeitung ist solcher Umtriebe weniger verdächtig, sie weiß um die Gefahr und kokettiert damit. Zudem gebührt ihr das Verdienst, vor Jahren in einer ihrer Wochenend-Ausgaben Lemmy Kilmister zu dem wunderschönen Bekenntnis genötigt zu haben, er werde ganz sicher nicht einfach tot umfallen, sondern bestenfalls verpuffen. Ebenjener hat gerade mit seiner Band Motörhead das gefühlt zweiundneunzigste Album vorgelegt, "Bad Magic" heißt es und einmal mehr zeigt Kilmister allen Lutschern, wie er sein Handwerk versteht. Und weil die SZ behauptet, die beste Nummer der Platte wäre eine Cover-Version des Stones-Klassikers "Sympathy For The Devil", gibt es diese hier zum Gehör - so unrecht haben sie (schon wieder) nicht.

Ha The Unclear: Post Promotion

Über den Sinn und Unsinn sogenannter Lyric-Clips kann man prächtig streiten - neben dem Teaser gehören diese mittlerweile zur großen Familie häufig genutzter Promo-Skills und nicht selten sind es lieblos gemachte Vorboten der eigentlichen Videos. Das gilt keinesfalls für diesen Film des neuseeländischen Quartetts Ha The Unclear, zumal es hier gar nicht um Vorab-, sondern eher um Postpromotion geht - ihr Album mit dem hübschen Titel "Bacterium, Look At Your Motor Go" ist schon im vergangenen Jahr erschienen. Die Bilder zu "Growing Mould" sind eine liebevolle Zusammenstellung des Textes mittels gängiger Magazin-Ästhetik, der leichte Folk-Pop dazu scheint mehr als stimmig. Mehr vom Album u.a. bei Bandcamp.

Sonntag, 30. August 2015

Foals: Ungebremst

Foals
„What Went Down“

(Warner)

Das gleich vorweg: Es gibt sicher so Einiges, was man den Foals und ihrem neuen Album vorhalten könnte. Wer allerdings gerade jetzt mit Vorwurf kommt, die Indie-Kapelle aus Oxford habe ihre Wurzeln und die Ursprünglichkeit ihres Debüts „Antidotes“ aus dem Jahr 2008 verraten, der kommt damit reichlich spät um die Ecke. Denn schon ihre zweite Platte „Total Life Forever“ hatte den Schwenk in Richtung Breitwandrock wenigstens angedeutet, wenn nicht sogar schon vollzogen und gemessen an dieser ist das aktuelle Werk sogar noch um einige Takte gelungener. „Drive my car without the brakes“ heißt es in „Mountains At My Gates“, einer der fettgerifften Vorabsingles, und genau das ist es, was Yannis Philippakis und seine Bandkollegen mit einem Großteil der Songs versuchen: ungebremst mit zweihundert Stundenkilometern und ohne Schalldämpfer über die Strecke – da muß freilich, um im Bild zu bleiben, so mancher feine Zwischenton zwangsläufig auf der Strecke bleiben.

Wer die Foals deshalb gleich mit den tatsächlich im Mittelmaß gescheiterten Killers oder Kings Of Leon in einen Topf werfen will, tut ihnen sicher unrecht, denn im Gegensatz zum überproduzierten Einerlei der Genannten läßt sich bei dem Quintett ein deutliches Mehr an Leidenschaft und weniger unglaubwürdiges Pathos erkennen. Gerade hat Frontmann Philippakis dem NME eine Erklärung für seinen Antrieb in den Block diktiert: “I wanted to tap into my inner madman and feel like I was channelling some sort of fevered creature. I wanted to relish the mania, and what ended up happening – looking back at certain passages in some songs – is pretty intense in a way that I wouldn't have ever been able to plan.” Ein Bemühen, das man den Stücken unschwer anhören kann.

“Albatross”, “Snake Oil” und “Midnight Swimmers” – ebenso wie das Titelstück allesamt dick polternde und ordentlich elektrifizierte Rocknummern, denen Melodie und Sentiment nicht verboten sind. Manchmal wird es etwas süßlich, dem einen oder anderen Chorus hätte vielleicht eine Blitzdiät nicht geschadet. Wo „London Thunder“ das richtige Maß an Gefühligkeit findet, überziehen „Give It All“ und „Lonely Hunter“ um einige Längen. Dennoch: Wie die Foals brachialen Psychrock, eingängigen Synthpop und die fiebrigen Beats früherer Tage (es sind leider nicht so viele) miteinander verknüpfen, bleibt eine Klasse für sich und ist, auch in der Stadionversion, immer noch sehr (v)erträglich. Dass bei den bisherigen vier Alben auch ansatzweise keine Niete dabei ist, darf man der Band jedenfalls als Verdienst gutschreiben, der eine oder andere Wermutstropfen wird dadurch zwar nicht kleiner, fällt aber vielleicht etwas weniger ins Gewicht. www.foals.co.uk

08.09.  Berlin, Kesselhaus

Freitag, 28. August 2015

Kagoule: Lautes Wunder

Kagoule
„Urth“

(Earache Records)

Zugegeben, die Angst, dass das doch noch grob schief geht, war nicht eben klein. Schließlich gibt es nicht wenige Beispiele, wo die grandiosen Vorabmeldungen eine Euphorie befeuern, die zunächst die Erwartungen in ungesunde Höhen treiben und dann der jähe Absturz folgt, weil der Rest all dem nicht zu folgen vermag. Es ging ja um nicht weniger, als der Heimstatt Robin Hood’s neben den Sleaford Mods einen weiteren grandiosen Triumph zu beschehren. Und was soll man sagen: Keine Enttäuschung, nicht die kleinste, nirgends. Das Trio Kagoule, im vergangenen Jahr via Nischenlabel Earache Records, das eigentlich auf zünftigen Metal spezialisiert, auf der Bildfläche aufgetaucht, liefert mit seinem Album „Urth“ ein wirklich phänomenales Erstlings-Werk ab – einfach, kraftvoll und spannungsgeladen bis zum letzten Ton. Dass hier der gute und schon etwas in die Jahre gekommene Grunge-Sound der 90er zu neuer Blüte kommt, ist dabei nur gerecht, besaßen doch Nirvana und die Smashing Pumpkins der Frühzeit (zwei der auffälligsten Bezugsgrößen der drei) ein solches Übermaß an Energie und Inspiration, dass auch mehr als zwanzig Jahre später für talentierte Nachahmer wie Kagoule noch genug übrig sein sollte. Stücke wie „Gush“, „Glue“, „Open Mouth“ oder „It Knows It“ könnten problemlos auf einem Meilenstein wie „Gish“ Platz finden, zähe und dreckige Riffs, durch Pausen und Tempiwechsel gekonnt gebrochen, dunkel scheppernde Drums, es nölt und kreischt und klirrt ganz wunderbar und weckt tatsächlich die allerbesten Erinnerungen. Die Stimme von Cai Burns mehrheitlich ein stolpernder Sprechgesang, seltenener sind die Ausbrüche, auch Lucie Hatter am Bass schnappt sich mal das Mikro („Made Of Concrete“). Alles wirkt angenehm unperfekt und nicht inszeniert an dieser Band, einzig das ausgefallene Artwork ihrer sämtlichen Veröffentlichungen, für dessen Manufaktur Drummer Lawrence English verantwortlich zeichnet, möchte eine künstlerische Eigenständigkeit betonen. Diese Platte jedenfalls ist – wie gern schreibt man Kagoule den Satz jetzt nach Erscheinen ins Stammbuch – ein lautes und unprätentiöses Wunder. https://kagoule.bandpage.com/

14.09.  Zürich, Kinski
15.09.  Lausanne, Le Romandie Rock Club
18.09.  Berlin, Magnet
25.09.  Düsseldorf, Zakk Club
26.09.  Hamburg, Reeperbahn Festival
27.09.  Leipzig, Ilses Erika
30.10.  Köln, Blue Shell

British Sea Power: Seegang

Ein neues Album von British Sea Power ist wahrlich keine Überraschung, dieses aber schon: Laut Clash hat die Band ihre neue Platte, den Nachfolger von "Machineries Of Joy", mit einem kompletten Orchester, hauptsächlich aus Blechbläsern bestehend, aufgenommen - "See Of Brass" der bezeichnende Titel und "Heavenly Waters" ist die erste Single, um die Verträglichkeit zu testen.

Mittwoch, 26. August 2015

Django Django: Quietschbunt

Verspielt und farbenfroh - etwas anderes hatte man von Django Django auch nicht erwartet: Im Video zur aktuellen Single "Pause Repeat" passiert so einiges, man muss nur eben aufpassen, dass man nicht den Anschluss verliert und all die quietschbunten Bilder über die dreineinhalb Minuten geregelt bekommt. Der Song gehört natürlich zum hübschen Album "Born Under Saturn" aus dem Frühjahr.

Protomartyr: Neues aus Detroit

Eine neue Hörprobe gibt es auch vom bald erscheinenden Album der Post-Punk-Kombo Protomartyr aus Detroit - deren neuestes Werk "The Agent Intellect" soll ja, wie hier berichtet, am 9. Oktober via Hardly Art in den Handel kommen und nach "Why Does It Shake?" gibt's nun "Dope Cloud" im Stream.

Petite Noir: Eigenwillig

Das wird nicht nur den Mitteldeutschen Rundfunk freuen, sondern auch all jene, die an der Musik von Yannick Ilunga alias Petite Noir schon vor Zeiten Gefallen gefunden haben: Seine neueste Single heißt "MDR" und ist nach "Best" wieder ein eigenwilliger Kracher geworden. Das Album "La Vie Est Belle/Live Is Beautiful" dann endlich am 11. September bei Domino Records.

Dienstag, 25. August 2015

Palace Winter: Stilisten

Einen dicken Pluspunkt bekommen Palace Winter, australisch-dänisches Indie-Duo, schon mal für ihre Coverentwürfe. Ältere Herren im natürlichen Lebensraum - Strand, Appartement, das hat schon einen gewissen Stil. Respekt verdient aber auch der Sound, der am ehesten vielleicht an Adam Granduciel und The War On Drugs erinnert, rauhe Stimme, lässige Gitarren, gar keine schlechte Sache. Hier zwei Songs zum Reinkommen - die etwas ältere Single ""Time Machine" und das wunderbare "Menton", gerade erst ins Netz gelangt. Am 2. Oktober werden Carl Coleman und Caspar Hesselager ihre neue EP "Medication" veröffentlichen - man darf gespannt sein.

Beach House: Unbeschreiblich

Beach House
„Depression Cherry“

(PIAS/Bella Union)

Dass Musik, die leicht und beschwingt daherkommt, auch mühsame Arbeit bedeuten kann, ist kein großes Geheimnis (#Binsenweisheit), auch Beach House aus Baltimore haben das feststellen müssen. Nach ihrem fabelhaften Album „Bloom“ war es auch für Victoria Legrand und Alex Scully Zeit für eine längere Arbeitspause – kein Lied wollte mehr entstehen, der Akku war leer. Dass dann wiederum ein Ort namens Bogalusa im amerikanischen Bundesstaat Louisiana die Inspiration und Arbeitsfreude zurückbrachte, birgt schon eine gewisse Komik und läßt selbst die beiden herzlich lachen (INTRO) – schließlich bedeutet der Ortsname im Indianischen soviel wie „Dunkle Wasser“ und ließe sich herrlich zu einer bedeutungsschweren Promostory verbauen. Doch aus Untiefen mussten Beach House den Stoff für ihre Songs noch nie heben, sie finden die Themen eher beiläufig und weniger spektakulär: "Love, pain, getting older, dealing with loss, letting go“ – so einfach kann das sein und das ist dann auch der Grund, weshalb das Duo weiterhin so wundervolle Musik zustande bringt. Sie sind wach und uneitel genug, das Naheliegende zu nehmen und besitzen ein seltenes Gespür für das spannende Miteinander von traumhafter Heiterkeit und schwerblütiger Melancholie.

Und so ist auch „Depression Cherry“ wieder eine großartige Platte geworden – auch hier finden sich bittersüßeste Melodien, verbaut in den Sound von Gitarrenwänden, die im milden Licht der Selbstvergessenheit funkeln. Viel hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht geändert, es bleibt auch auf dem aktuellen Opus dicht und voll, sparsame Elektronik klackert zuweilen hinter angerauhten Hooklines, mehrstimmige Chöre geben dem Ganzen gern mal etwas Feierliches („Days Of Candy“), an anderer Stelle schwingt ein scheinbar endlose Klangschleife dem geliebten Fadeout entgegen („PPP“). Hypnotisch, verträumt, verführerisch – derartiges Vokabular ließe sich noch reichlich finden, man sollte auch nicht vergessen, den „Space Song“ und die Grandezza von „Bluebird“ zu erwähnen und müsste am Ende trotzdem die Waffen strecken. Die Größe eines solchen Werkes bemisst sich bei aller Wortdrechselei doch nur am Widerhall, den die Musik bei einem jeden Hörer selbst zu finden vermag, ob sie also etwas anstoßen, etwas zum klingen bringen kann. Das macht die Stücke von Beach House so besonders, macht sie im wahrsten Wortsinn einfach nur unbeschreiblich schön. http://www.beachhousebaltimore.com/

04.11.  Köln, Gloria
14.11.  Hamburg, Kampnagel
16.11.  Berlin, Huxley's
17.11.  München, Freiheiz
18.11.  Lausanne, Les Docks

Line And Circle: Mondän

R.E.M. tauchen gar nicht auf, wenn Line And Circle ihre Einflüsse benennen, sondern ein buntes Potpourri aus Grace Kelly, Erik Satie und Lord Byron. Dennoch können die fünf aus Los Angeles nicht verhehlen, dass Michael Stipe und seine Vorruhestandskollegen aus Athens zumindest zum engeren Kreis der Vorbilder zählen müssen, so luftig und charmant läßt sich das an. "Like A Statue", der Song, den Line And Circle gerade über Stereogum ins Rennen geschickt haben, stammt vom Album "Split Figure" und wird am 2. Oktober bei Grand Gallop erscheinen.

Montag, 24. August 2015

FANS: Dranbleiben

Gerade erst hatten wir die FANS aus Yorkshire für ihr unbekümmertes Herangehen gelobt und den Song "Born Into" bereitwillig gepostet, da schicken sie schon den nächsten ins Rennen wie um zu beweisen, dass mit ihnen auch weiterhin zu rechnen sein wird - stimmt, hört man! Im September dann die komplette EP...

Sexwitch: Hexenkult

Das also steckte hinter den kryptischen Bildern von Natasha Khan: Ein neues Album ist zwar auf dem Weg, aber keinesfalls eines von Bat For Lashes, sondern das Debüt ihres Projektes Sexwitch, mit dem sie gerade via Pitchfork um die Ecke gekommen ist und das überraschenderweise auch ein Festival bespielte. Zusammen mit ihren Kollegen von TOY und dem Produzenten Dan Carey ist das Ganze als eine Art Psych-Folk-Ding angelegt - das selbstbetitelte Album soll am 25. September bei BMG erscheinen und mit "Helelyos" darf auch schon mal probegehört werden.

Dr. Dre: The other side of the coin

Dr. Dre
„Compton“

(Interscope)

Wer den wiederaufflammenden Rassenunruhen in den USA überhaupt etwas Positives abgewinnen möchte (Vorsicht: Minenfeld!), der darf zumindest konstatieren, dass der einst darniederliegende, sich in ödem Bling-Bling-Machismo erschöpfende Hip Hop an diesen Konflikten Sinne und Konturen geschärft hat. Man spürt wieder so etwas wie Relevanz, Wachheit, auch Wut und Aggressivität natürlich – jeder, der geglaubt hatte, mit einem schwarzen Präsidenten würden sich solche üblen Dinge nicht mehr wiederholen, sondern irgendwann, ganz Besonnenheit, Ratio und Vernunft, von selbst verschwinden, sieht sich nun getäuscht. Und selbst leicht abgehalfterte Stars wie 50 Cent oder Xzibit, die sich vor Jahren noch als Tanzbären bereitwillig am Nasenring (also: Klischee) durch die mediale Arena ziehen ließen, merken plötzlich, dass sie vielleicht etwas zu bequem, etwas zu satt geworden sind und nun doch die Hand beißen müssen, die ihnen über lange Zeit ihren Luxus mitfinanziert hat. Nicht so schön, aber das war Aufklärung ja nie.

Und wer gedacht hat, nach Kendrick Lamar, A$AP Rocky, Drake, D’Angelo und Earl Sweatshirt hätte der Vorrat an Superlativen für dieses bewegte Jahr bereits aufgebraucht sein müssen, der sieht sich getäuscht und darf für Altmeister und Produzenten-Legende Dr. Dre noch einmal draufsatteln. Denn „Compton“, eigentlich als Soundtrack konzipiert,  ist ein so schillerndes, vielschichtiges und natürlich auch bissiges Werk geworden, das den Vergleich mit ähnlich apokalyptischen Geniestreichen wie Kanye Wests „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ oder eben Lamar’s „To Pimp A Butterfly“ nicht scheuen muss. Man kommt nicht umhin, sich im Zuge der Veröffentlichung die alten Sachen von NWA oder Dre’s Solowerk „The Chronic“ anzuhören und muss anerkennen, dass bei allem Respekt vor den alten Sachen ein Quantensprung zur Neuzeit herauszuhören ist. Das betrifft natürlich nicht so sehr die drastische, kompromisslose Wortwahl und auch die nicht unbedingt die Düsternis, sondern die kunstvolle Vermengung verschiedenster Stile.

Davon gibt es auf „Compton“ eine Menge und Dre schafft es auf beeindruckende Weise, sie zu einem überaus lebendigen, regelrecht pulsierenden Ganzen zu formen, kantig, nervös, überdreht und voller Überraschungen. Wo auf ganz frühen Alben die dumpf pochende Straightness Attitüde und Klangbild bestimmte und furchteinflößendes Wummern Ehrensache war, überzeugt die heutige Rapgeneration mit einer inspirierten Mixtur aus Psychrock, Knochenblues, Dub, Metall-Riffs, werden sanfte Pianoklimpereien und opulente Chöre mit dronigen Synths gekreuzt. Hier steht deshalb fetter Soul („It’s All On Me“) neben trickreich geloopten Soundpatterns („Genocide“), trifft Doom („Deep Water“) auf die ganz breite Filmscore-Palette („One Shot One Kill“).

Überhaupt – die Gäste: Snoop Dog macht es nicht unter dem best track of all und selbst Dre-Zögling Eminem steht ihm mit seinen scharf geschliffenen Stakkato-Rhymes in nichts nach. Dazu noch Lamar selbst, Marsha Ambrosius, Anderson Paak, King Mez und viele mehr, Schüler, Wegbegleiter, Kollegen, Buddies, ein vielstimmiger Chor der Enttäuschung, der Anklage und des Zorns an und auf die Unbelehrbarkeit der Exekutive und Justiz. So wie die dazugehörige Doku „Straight Outta Compton“ gerade in den Kinos, so schließt auch dieses Album von Dr. Dre einen historischen Kreis, weckt Erinnerungen, zieht Schlüsse, schafft Bezüge und macht auch Mut für die, die ihn gerade ganz gut brauchen können. In der Überfülle, dem „Was geht!?“ im Subtext von „Compton“ schwingt also – wer will es ihm verdenken – auch eine kräftige Portion Stolz mit. https://www.drdre.com/