Sonntag, 26. April 2015

Emile Haynie: Nur Mut

Emile Haynie
„We Fall“

(Universal)

Emile Haynie ist ein bekannter Produzent. Und er hat viele Freunde. Irgendwann hat er wohl für sich entschieden, dass es reizvoller wäre, für diese Freunde nicht nur im Hintergrund die Regler zu bedienen, um dann seinen Namen unter die Linernotes zu setzen – besser wäre es doch, er selbst schriebe die Songs und ließe die anderen singen. Hört man sich das Debütalbum des Mannes aus dem nordamerikanischen Städtchen Buffalo an, dann darf man zunächst einmal anerkennen, dass die Idee keine schlechte war. Haynie hat sich seinen Namen ja eigentlich in der HipHop-Community gemacht und schon mit Größen wie Ghostface Killah, Eminem, Raekwon, Kanye West und Ice Cube zusammengearbeitet, für „We Fall“ geht er nun aber einen anderen Weg und versucht, sich mit den Kompositionen eher dem vertrauten Repertoire seines Freundeskreises zu nähern. Und genau darin liegt leider auch die Krux des Albums.

Denn von jedem der angetretenen Gaststars, seien es nun Rufus Wainwright, Lykke Li, Lana del Rey oder auch Randy Newman, gibt es eine Menge Songs gleichen Zuschnitts, die man von ihren eigenen Platten kennt und liebt – für und von Emile Haynie kommt dann aber nur Erwartbares in Fortsetzung, oppulent in Szene gesetzt. Natürlich sind es allesamt hübsche Arrangements, hat „Little Ballerina“ den poppig-pathetischen Schmelz, „Wait For Life“ die ätherische Verruchtheit und „Come Find Me“ die dunkel umflohrte Kühle seiner Protagonisten. Wieviel spannender aber wäre es gewesen, Wainwright, del Rey oder Lykke Li mal auf ungewohntes Terrain zu locken, ihnen etwas zuzumuten, was sie vielleicht an ihre Grenzen führt und dem Hörer ein neues Bild erschließen könnte. Bei „A Kiss Goodbye“ gelingt ihm das zusammen mit Charlotte Gainsbourg, Sampha und Devonte Hynes ja schon ganz ordentlich, hier erschafft Haynie mal eine weniger überladene Klangkulisse zu reduzierten, trippigen Tönen – leider bleibt eine solche Überraschung die Ausnahme. Er wird in den kommenden Wochen und Monaten dennoch in aller Munde sein, schließlich müht sich der Mann gerade am dritten Album von Adele – für die Fortsetzung seiner Solokarriere möchte man ihm aber dringend zu etwas mehr Mut raten. http://www.we-fall.com/

Freitag, 24. April 2015

Flake: Frei Schnauze

Flake
"Der Tastenficker"

(Schwarzkopf und Schwarzkopf)
München, Hugendubel, 23.04.2015

In der beliebten Rubrik „Very important things we learned about…“ wollen wir heute mal über Buchlesungen reden – aus aktuellem Anlass, versteht sich.

Wenn man auf eine bestimmte Art prominent ist – also zum Beispiel als Keyboarder des bekanntesten deutschen Rockexports Rammstein, kann man eigentlich über alles schreiben und das dann auch bedenkenlos vorlesen, es werden sich immer genügend Leute finden, die einem an den Lippen hängen und aufmerksam alle biographischen Details aufsaugen, die Kindheit und Jugend im Arbeiter- und Bauernstaat DDR so hergeben*.

Wenn man dazu noch ohne jede Selbstüberschätzung durchs Leben kommt und mit Lakonie, feinsinnigem Humor, genügend Marotten und im allerbesten Fall noch einer typischen Berliner Schnauze gesegnet ist, dann klingen die einfachsten Sätze entweder rührend ehrlich oder irre komisch – Beispiel: „Mein Problem ist, dass ich ganz schwer nein sagen kann. Bei der Stasi war ich aber nicht, da haben sie mich zum Glück nicht gefragt.“

Ebenfalls sehr hilfreich ist ein Talent zur freien Rede. So kann man zum Beispiel auf sehr launige Art eine Konzertreise als Toursupport von KISS ins brasilianische Outback beschreiben, ernsthafte und andauernde Probleme des eigenen Verdauungstraktes bildhaft schildern und der Enttäuschung über die Hinfälligkeit von einstmals glorifizierten Vorbildern Ausdruck verleihen, ohne ständig auf ein verknautschtes Manuskript starren oder – im schlimmsten Falle – einen Polylux benutzen zu müssen.

Es gibt tatsächlich nicht wenige Menschen, die im kompletten Fan- oder Touroutfit auf Buchlesungen erscheinen, auch wenn weder ein musikalischer Beitrag oder eine Moshpit vorgesehen sind und der Front- Of-Stage-Bereich aus säuberlich ausgerichteten Stuhlreihen besteht. Kann man sich merken.

Man sollte auch keine Angst davor haben, ungewöhnliche Themen und Randbereiche einer genaueren Beschreibung zu unterziehen (siehe 1), denn nur so lassen sich Geduld und Zuneigung des Publikums einschätzen. Wenn die besagten Stuhlreihen bei der ausführlichen Erörterung des Berufsbildes eines angehenden Werkzeugmachers inklusive penibler Angaben zu Bohrlängen, Gewindedurchmessern und statischen Testberichten bis auf den letzten Platz gefüllt bleiben, dann darf man sich seines Potentials als Entertainer doch sehr sicher sein.

Schonungslose Offenheit bis hin zur Selbstgeißelung wird einem in der Regel hoch angerechnet, also nicht nur aufzuzählen, was man kann (herumhampeln), sondern auch, wozu einem jegliche Begabung fehlt (Rhythmus halten, halbwegs fehlerfrei mit Instrumenten zu musizieren, singen). Das gilt im Übrigen (weil man ja gerade aus einem selbstverfassten Buch zitiert) desgleichen für‘s eigene literarische Talent im Bezug auf weitere mögliche Großprojekte – die grobe Skizzierung eines verworfenen Romanplots kann hier für zustimmendes Schulterklopfen und sogar Mitleid sorgen.

Von einer Überdramatisierung des Aufwachsens im Schurken- und Unrechtsstaat DDR sollte man tunlichst absehen, zum einen stehen angeborene Kurzsichtigkeit und weitere frühkindliche körperliche Beschränkungen nicht in ursächlich nachgewiesenem Zusammenhang zur schändlichen Arbeit des Politbüros, desweiteren würde das anwesende, überwiegend im Osten Deutschlands sozialisierte Publikum jede Abweichung von der wohlwollenden Nacherzählung in Anekdotenform als Kritik missverstehen – hier reicht also, wie sinngemäß gehört, der Satz „Ich verbrachte eine ausgefüllte und freudvolle Kindheit“ vollkommen aus.

Wichtig für die positive Bewertung des Leseabends ist das Timing des Abgangs, in Aussicht gestellte Zugaben und/oder zögerliche Aufforderungen ans Publikum, jetzt Fragen zum Gehörten zu stellen, sind da eher hinderlich, im speziellen Falle sähe man sich sonst mit Erkundigungen wie „Welche Marke an Schlauchbooten bevorzugen Sie?“, „Sind Sie über den aktuellen Beziehungsstand von Till Lindemann informiert?“ und „Wie sicher sind Sie, dass Ihr Herz wirklich am linken Fleck sitzt?“ konfrontiert. Fremdschamvermeidung darf hier als guter Dienst an der Sache verstanden wissen. Also: Tour im nächsten Jahr sicher, aber weniger Pyro, Autogrammstunde für Horst und Holger im Anschluss – Punkt.

* Wer jemals einer Live-Aufführung von Flakes früherer Band, der Magdalene Keibel Kombo, beigewohnt und dort das Stück „Graf Zahl“ bis zum Ende durchgestanden hat, der weiß, dass der Satz „Der Mann könnte auf der Bühne ohne Weiteres auch das Telefonbuch vorlesen“ genau da seine Schöpfung erfahren haben muss.

Dagobert: Vollkommenes Glück

Am nächsten Montag startet der nach Kurt Felix und Dieter Meier populärste Schweizer endlich seine Konzertreise: Dagobert soll dort sein Album "Afrika" vorstellen und es braucht nicht viel Fantasie zur Vermutung, dass es den Menschen vor Ort gefallen wird. Kurz vor knapp hat er dennoch ein weiteres Video fertigstellt, produziert wurde "Angeln gehen" von Henning Gronkowski und mal ganz ehrlich - angelnde Schweizer Schnulzensänger sind genau das, was es zum vollkommenen Glück der Welt noch braucht.

Tocotronic: Babysprache

Wir waren alle einmal jung, das steht mal fest (auch wenn es durchaus Menschen gibt, bei denen man meint, sie wären mit vierzig auf die Welt gekommen). Gerade Tocotronic spüren wiederum seit jeher Themen nach, die einen nicht sofort wegen ihrer vermeintlichen Wichtigkeit anschreien - für "Die Erwachsenen" von ihrem sehnsüchtig erwarteten Roten Album (VÖ 1. Mai) haben sie mal eine Ausnahme gemacht. Aber natürlich besingen sie den Konflikt der Generationen auf ihre ganz spezielle Weise und nun gibt es dazu auch ein kleines Videofilmchen.

The Chemical Brothers: With a little help

Neues Material von den Chemical Brothers ist auf dem Weg - das ist keine so schlechte Nachricht, wenn man weiß, dass das letzte reguläre Studioalbum von Tom Rowlands und Ed Simons ("Further") auch schon wieder fünf Jahre auf dem Buckel hat. "Born In The Echoes" soll Mitte Juli erscheinen und mit St. Vincent, Beck, Q-Tip und Cate le Bon steht auch schon eine honorige Gästeliste bereit. Der erste Song der Platte "Sometimes I Feel So Deserted" lief gerade bei Annie Mac auf BBC Radio 1, das Tracklisting steht u.a. bei Pitchfork zur Einsicht.

Donnerstag, 23. April 2015

Blur: Alles drin

Blur
„The Magic Whip“

(Parlophone)

Man kann sich dem neuen Album von Blur ja auf verschiedene Weise nähern: Holt man weit aus, gerät man mittenrein in die Zeit der Glaubenskriege, des Entweder-Oder, der Britpop-Battles – Anfang der Neunziger musste man sich entscheiden, da hieß es Oasis vs. Blur, dicke Lippe gegen smarte Lässigkeit. Ein paar tolle Platten später war Britpop durch, die Gallaghers machten nun in Stadionrock/Sparte: überflüssig und Blur verkopften zusehends in Abwesenheit ihres Gitarristen Graham Coxon. Stand heute sind zwar auch Oasis perdu, das Brüderpaar allerdings, dessen Elan sich bis zum Splitt einzig in wilden Beschimpfungen erschöpfte, brilliert mit neuem Schwung auf Solopfaden und auch Damon Albarn, dem Vielbeschäftigten, ist 2014 ein wirklich erstklassiger Alleingang („Everyday Robots“) gelungen. Die Frage muss also, zwölf Jahre nach dem mäßig erfolgreichen „Think Tank“ und mit einem versöhnten Coxon an Bord, lauten: Was ist drin und wenn ja wieviel?

Nun – von allem etwas und das zu gleichen Teilen. Erfreulich: Es gibt eine ganze Reihe Songs auf „The Magic Whip“, die mühelos an die glorreichen Zeiten der Band anknüpfen können, Stücke also wie „Lonesome Streets“, „Go Out“ und „Ghost Ship“ mit der vertrauten, coolen Verschlurftheit – da scheppern hübsch verzwirbelte Gitarrenhooks zu clever variierten Drumsections, die Elektronik ist nicht übertrieben experimentell, sondern wohl dosiert. Dazu hört man aber auch jede Menge dieser weltgewandten ‚Albarn-Momente‘, die immer ein wenig an Coppolas‘ „Lost In Translation“ erinnern – einsame Selbstreflexionen mit einem Übermaß an Melancholie. „New World Towers“, „Thought I Was A Spaceman“ oder auch „My Terracotta Heart“, schon die Titel allein sind Wegweiser zum Albarn’schen Gedankenkosmos zwischen trauriger Weltverlorenheit und anhaltender, kindlicher Begeisterung.

Dazwischen finden sich ein paar Nummern, die sich einer Schublade eher verweigern, der verspielte „Ice Cream Man“ gehört ebenso dazu wie die punkige Clash-Referenz „I Broadcast“. Bei „Ong Ong“ und „Pyongyang“ wird man kurz daran erinnert, dass die Kunst des Weglassens auch keine kleine ist, geschenkt – warum nicht auch mal den dargebotenen Longdrink samt Sonnenschirmchen nehmen, wenn er denn so verführerisch in der Abendsonne glitzert. Die Gesamtleistung des Quartetts wird dadurch jedenfalls nicht geschmälert, sie haben es tatsächlich geschafft, auf „The Magic Whip“ (wie man platterweise gern sagt) Tradition und Moderne zu verbinden und das Ergebnis klingt beileibe nicht so, als würden ein paar Berufsjugendliche auf dem letzten Retroloch pfeifen. Man darf also gespannt sein, ob auch Mogwai wieder ein passendes Shirt zum Comeback am Start haben … http://www.blur.co.uk/de

Die Sterne: Picknicker

Ein klein wenig schien es schon vergessen zu sein, dabei war "Flucht in die Flucht" ein wirklich feines Album und Frank Spilker und Die Sterne noch immer am Drücker. Nun sitzt er für das Video von "Drei Akkorde" gemütlich klampfend mit versammelter Mannschaft beim Picknick im Park und läßt das Unterhaltungsprogramm von Regisseur Robin Hinsch geduldig an sich vorüberziehen.

Mittwoch, 22. April 2015

Martin Gore: Wesentliches

Martin Gore
„MG“
(Mute)

In den Moment, wo man’s hinschreibt, wirkt es fast ein wenig anmaßend – und doch entspricht es den Tatsachen: Martin L. Gore hat gerade mit über fünfzig sein Solodebüt veröffentlicht. Zugegeben, ganze 35 Jahre hat er maßgeblich den Erfolg von Depeche Mode gelenkt und mitgestaltet, zwei EPs mit gecoverten Songs (Counterfeit/Counterfeit²) gehören ebenso zu seinem Output wie ein gemeinsames Album mit dem Ex-Kollegen Vince Clarke (VCMG) und diverse Kooperationen und Gastauftritte. Aber eigene Songs eben, auf Longplayerformat? Premiere. Möchte man gar nicht glauben, andererseits ist ja auch nichts Ehrenrühriges daran, sich nach so langer Zeit der Zuarbeit und der Kompromisse mal zur Abwechslung um’s eigene Ego zu kümmern. Konsequenterweise tut Gore das in instrumentaler Form. Ein jeder weiß, dass seine Stimme markant genug ist, um einem Stadionpublikum Schauer über den Rücken zu schicken, dennoch: Einmal mehr geht es Gore wie schon bei der Kollaboration mit Clarke um das Wesentliche, um musikalische Texturen, Strukturen, um die Faszination des Zusammenspiels von so simplen Komponenten wie Beat, Geräusch und Melodie.

Sechzehn minimalistische Kompositionen also, einige davon schon während der Arbeiten am letzten Depeche-Mode-Album „Delta Machine“ entstanden (und für Gore zu wertvoll, um sie einfach verschwinden zu lassen), versehen mit kryptischen, futuristischen Titeln wie „Elk“, „Spiral“, „Brink“ oder „Featherlight“. Sie Fingerübungen zu nennen wäre wohl unzureichend, besitzen sie doch genügend Tiefe, Vielfalt und vor allem die Fähigkeit, die eigene Fantasie anzuregen, so dass sie es mühelos mit klassischen Songs aufnehmen könnten. Gore selbst betont gern den filmischen Aspekt seiner Arbeiten und tatsächlich entwickeln sie sich, gönnt man ihnen die nötige Zeit, zu einer Art Soundtrack für’s private Kopfkino. Und so bewusst, wie er auf jedweden Vokalpart verzichtet, bleibt sein Ansatz ein strikt synthetischer – für all jene, welche den Einsatz von Bluesgitarren bei Depeche Mode als Irrweg zu verdammen nicht müde werden, sollte ein rein technoides Album wie dieses grenzenlosen Jubel auslösen. Am Ende bleibt es aber ein Liebhaberstück für wenige, dem der Weg ins Formatradio erspart bleiben wird. Und das ist schon wieder eine gute Nachricht. http://www.martingore.com/

Violent Femmes: Glückliche Liebe für schnelle Pferde

Zeit, sich noch einmal zu sammeln und den Record Store Day Revue passieren zu lassen. Und da fällt auf, dass ja die Violent Femmes mit ihrer EP "Happy New Year" im Vorfeld zwar schon Thema waren, aber die Auflösung des Komplettpaketes noch aussteht. Hier also alle vier Songs der 12" im Stream, als da wären "Happy New Year Next Year", "Love Love Love Love Love", "Good At/For Nothin" und "Fast Horses".

Dienstag, 21. April 2015

PINS: Girls a Go Go

Ja, das gefällt uns: Faith Holgate, Lois McDonald, Anna Donigan und Lara Williams - vier Teenager aus Manchester, die unter dem Namen PINS in ihrer Freizeit offensichtlich nicht nur Bierdosen zerbeissen, sondern auch fleißig Musik hören, zum Beispiel die von den Go-Go's und Belinda Carlisle. So nämlich klingt ihr Song "Young Girls", der wiederum vom bald erscheinenden Album "Wild Nights" stammt. 

Rocko Schamoni: Good Vibrations

Man möchte es kaum glauben, aber der ebenso bekannte wie berüchtigte Rocko Schamoni will es tatsächlich wissen und gibt auf seinem neuen Album den gewinnenden Swinger: Zusammen mit seiner Neugründung, dem Orchester Mirage, präsentiert er via Staatsakt dreizehn Perlen der deutschsprachigen Popmusik (von denen zwei ihm selbst zuzuschreiben sind), mit die Lassie Singers, FSK und Saal 2. Das alles mit Bigband (und wenn Schamoni "Big" sagt, dann meint er das auch) und ganz, ganz viel professioneller Lässigkeit. Die erste Auskopplung "Die Geheime Weltregierung" kommt von GUZ, dem Sänger der Schweizer Kombo Die Aeronauten - die komplette Platte "Die Vergessenen" soll am 22. Mai im Handel erhältlich sein und natürlich wird Schamoni mit selbiger auch ausgiebig touren - erste Termine wie folgt...

19.05.  Hamburg, Thalia Theater
16.06.  Frankfurt, Mousonturm
18.06.  Berlin, Heimathafen
15.09.  Hannover, Pavillon
17.09.  Köln, Gloria
18.09.  Düsseldorf, Zakk
tbc...

Montag, 20. April 2015

Wire: Die neue Lust

Wire
„Wire“

(Pink Flag/Cargo)

Man hätte es sich wirklich denken können: Alle drei Alben, die Wire nach längerer Unterbrechung ihrer Zusammenarbeit seit dem Jahr 2008 eingespielt haben, sind als Querschnitte der früheren Schaffensperioden angelegt, jedes spiegelt auf seine spezielle Art die Entwicklung der Band vom minimalistischen Punkrock der Pink-Flag-Ära über elektronischen Wave bis hin zum retrospektiven Post-Punk wieder. Warum sollte, was da so gut funktioniert hat, beim neusten Werk also anders sein? Und so sind alle Befürchtungen, diese Platte könnte zur Abwechslung  mal eine zahme, aufpolierte, schlimmstenfalls ‚altersgerechte‘ werden, völlig unnötig. Denn obgleich „Wire“ ungewohnt poppig und ruhig beginnt, schleichen sich doch nach und nach immer dunklere Töne ins Programm. Das erste Langformat „Sleep-Walking“ ist zwar von der Wut der Anfangstage noch weit entfernt, trägt aber schon ein düsteres, unheilschwangeres Halo im Gepäck. „Split Ends“ und „Octopus“ können mit höherem Tempo und raueren Gitarren aufwarten, die Überraschung ist aber das abschließende „Harpooned“: Hier lassen Wire eine ganz neue Seite erkennen, nämlich die Lust am gewaltig dröhnenden, schwermütigen Noise. Acht lange Minuten bauen sie lautstark an ihrer Wall Of Sound, ganz im Stile von Postrockgrößen wie Mogwai oder Volcano Choir haben sie Gefallen am Drama gefunden und selbst die sonst so warme und sanfte Stimme von Colin Newman wird vom Haken gelassen. Es bleibt also dabei: Für’s Altenteil sind diese Männer noch längst nicht gemacht und auf ein akkustisches Spätwerk wird man gottlob noch weiter warten müssen. Solange es ihnen derart geschmacksicher gelingt, die eigene Tradition lebendig zu halten und sich Neuem nicht zu verschließen, muss einem um diese Band nicht bange sein. http://www.pinkflag.com/

Unknown Mortal Orchestra: Phonechecker

Lust auf etwas smarten Retro-Funk? Dann mal schnell den neuesten Song des Unknown Mortal Orchestra eingestöpselt, ein bisschen Platz zum Tanzen geschafft und ab geht die Post: "Can't Keep Checking My Phone" stammt vom Mitte Mai erscheinenden dritten Album "Multi-Love", dem Nachfolger von "II" aus dem Jahr 2013 - wer an den geschmeidigen Tönen Gefallen gefunden hat, kann sich übrigens auf ein paar Konzerttermine des Trios freuen.

26.05.  Berlin, Berghain
14.09.  Hamburg, Uebel udnd Gefährlich
15.09.  Köln, Gebäude 9
16.09.  Frankfurt, Zoom
17.09.  Berlin, Lido

Sonntag, 19. April 2015

Alabama Shakes: Express yourself

Alabama Shakes
„Sound And Color“

(Beggars Group)

Sie haben es also wieder geschafft: Die Alabama Shakes sind eine Band, für deren Sound Attribute wie „organisch“ und „analog“ erfunden wurden, hier brummen die Röhren, schnalzen die Relais, sind Rückkopplungen, Verzerrungen und Grundrauschen willkommene Klangkomponenten, die anderswo eifrig weggebügelt werden. Eigentlich müsste es jedem die Schamesröte ins Gesicht treiben, der sich hier mit dem bloßen Download zufrieden gibt, denn wenn es je eines Argumentes für das gute alte Vinyl bedurft hätte, dann ist es eine Platte wie diese. Eleganz, Perfektion und Brillanz sind keine Argumente, mit denen man den Vieren aus Athens kommen muss, auch „Sound And Color“ knirscht, quietscht, kracht und pfeift an jeder Ecke und mutet so wie ein großer Dampfkessel an, der den Überdruck nur mühsam unterm Deckel halten kann. Drunter brodelt eine ziemlich explosive Mischung aus Rootsrock, elektrischem Blues, Funk und Soul, ein Dutzend Songs zwischen Grenzbereichen und der Zuhörer muss sich nicht schämen, dem Ganzen mit verdrehten Augen, aufgerissenem Mund und abgespreizten Fingern zu folgen – der Sound zwingt zu expressiven Bewegungen, Stillehalten gänzlich unmöglich.

Ganz erstaunlich, was der gerade mal knapp dreißigjährige Gitarrist und Produzent Blake Mills den Alabama Shakes noch an Reserven entlocken konnte: Schon „Don’t Wanna Fight“ pumpt spannungsgeladen und dabei durchaus sehr jetztzeitig, „Gimme All Your Love“ gibt anschließend den abgedrehten, leidenschaftlichen Percy Sledge in einer Art ‚weird version‘, zunächst als roughen R’n’B, später mit Beat und ganz viel Schmackes. Brittany Howards Stimme wandert stets am oberen oder unteren Limit, unterstützt von einer kraftvollen Backgroundgruppe, ein bisschen Prince, ein bisschen Outkast, immer am Anschlag. Später dann erstklassig wippender Motown-Soul („Guess Who“) und punkiger Garage-Rock („The Greatest“), die 60er und die 70er werden zu gleichen Teilen beliehen und auch das wütende Klagen von „Miss You“ und die Morricone-Gitarren bei „Gemini“ hat man natürlich irgendwo schon mal gehört. Sie machen vieles und was sie machen, machen sie (gewohnt) gut. Nenn es Super-Retro, letztendlich ist der Name völlig egal, solange es ihnen und uns solch einen Spaß macht. http://www.alabamashakes.com

03.05.  Berlin, Astra Kulturhaus

Der komplette Stream des Albums steht momentan bei NPR bereit.

Future Islands: Auf der Jagd

Nicht weniger beachtenswert - auch die Future Islands haben endlich mal wieder etwas von sich hören lassen, nachdem ihr Album "Singles" inklusive der landauf landab beeindruckenden Live-Performances für mächtig viel Zuneigung gesorgt hatten. Ebenfalls im Rahmen des RSD erschienen ist ihr Song "The Chase", zuerst zu hören Mary Anne Hobbs auf BBC Radio 6, später auch auf anderen Kanälen.

Run The Jewels: Giveaway

Einer der vielen Höhepunkte des gestrigen Record Store Day: Run The Jewels haben eine 12" gelauncht, auf der sich neben drei älteren Stücken auch ein neues befindet - "Bust No Moves" wurde mit Bryan "SL" Jones aufgenommmen, bei Soundcloud läßt sich dieses auch downloaden.

Samstag, 18. April 2015

Blur: Geheimnisverrat

Keine sieben Tage mehr, dann kommt es, das neue Album "The Magic Whip" von Blur. Im Zeitalter des mehr oder weniger legal umherschwirrenden Datennebels sind unbekannte Titel eine Seltenheit und man darf sehr wohl darüber streiten, ob so ein Veröffentlichungstermin noch etwas magisches, einzigartiges hat. Zumal die Künstler selbst ja auch alles dafür tun, dass dieses Datum seine Anziehungskraft nach und nach verliert. Hier jedenfalls ist "My Terracotta Heart", ein weiteres Stück Geheimnisverrat - davon abgesehen klingt es ganz vorzüglich.

Freitag, 17. April 2015

John Carpenter: Nachtgestalten

Dass olle John Carpenter ein Freund von Cyberspielzeug ist, hätte man sich denken können. Im Videoclip zu "Night" von seinem Album "Lost Themes" hat er sich von den Regisseuren Gavin Hignight und Ben Verhulst eine sehr stimmungsvolle Kulisse aus nächtlicher Megacity und bedrohlicher Thrilleratmosphäre stricken lassen, wie die Geschichte vom Treffen der zwei fremdgesteuerten Nachgestalten ausgeht, bleibt aber wohl offen ...

The Prodigy vs. Sleaford Mods: Pimp my Kirmestechno

Okay, da gibt es keine zwei Meinungen: Die Sleaford Mods sind fucking cool und retten selbst die etwas dröge Altherrenmucke von The Prodigy - zumindest für 2:53 Minuten. So lange nämlich dauert ihr gemeinsamer Track "Ibiza" vom Album "The Day Isd My Enemy", jetzt mit Bildmaterial.

Editors: Überraschung

Damit war nun nicht zu rechnen: Die Editors haben kurz vor Wochenendbeginn noch für eine kleine Überraschung gesorgt und auf einem Sampler ihres Labels PIAS einen bislang unveröffentlichten und wohl auch neuen Track veröffentlicht. "No Harm", so der Name, kommt ziemlich getragen daher, sehr tiefe mit sehr hohen Stimmen kombiniert, düster ohnehin - melancholische Gruselmusik (so auf die Schnelle). Ob damit der weg frei wird für einen Nachfolger des 2013er "The Weight Of Your Love" ist aber noch nicht geklärt.