Dienstag, 2. September 2014

Interpol: Danach ist davor

Interpol
„El Pintor“

(Matador)

Das Komische ist, dass Interpol ihre mutmaßlich schwierigste Platte eigentlich schon hinter sich hatten. Kurz nach „Our Love To Admire“, ihrem dritten Album, kündigte Carlos Dengler, eigenwillig verschrobener Bassist der New Yorker Wavekapelle, bekanntlich den Job. Dem Vernehmen nach wollte er sich eher um seine Filmmusikprojekte kümmern, man durfte zudem vermuten, dass ihm der zunehmend dicht gestopfte und manchmal doch recht durchschnittlich rockende Sound der Band nicht ganz ins kreative Konzept passte. Interpol konnten 2001 mit ihrem fulminanten, grabesdunkel schimmernden Debüt „Turn On The Bright Lights“ zu Recht begeistern, mit „Antics“ folgte kurze Zeit später ein sehr straightes, kompaktes und erfreulich tanzbares Album und anschließend dann das besagte orchestrale, äußerst vielschichtige, aber manchmal auch etwas theatralische und selbstgefällige Werk, auf welchem sich dann schon der eine oder andere Füller finden ließ – „The Heinrich Maneuver“ und „Who Do You Think?“ zählen mit Sicherheit nicht zu den stärksten Stücken der Amerikaner.

Weiter zu dritt und mit einem Paul Banks an der Spitze, der sich zunehmend – ob nun mit Klarnamen oder dem Alter Ego Julian Plenti – von seinen Kollegen emanzipierte, versuchte man auf Platte Nummer vier sowohl den eigenen Wurzeln als auch neuen Einflüssen gerecht zu werden und das gelang wider Erwarten erstaunlich gut. Ein paar der neuen Stücke wurden synthetischer als bisher üblich, man konnte Banks‘ Leidenschaft für Dubstep, Breakbeats und Hiphop wenn nicht hören, so doch ahnen und es stand den Songs gut zu Gesicht, behielten sie doch durch Kesslers markantes Gitarrenspiel und des Sängers sehnsuchtsvollen Gesang jenen Charakter, der die Band groß und, ja, auch einmalig gemacht hatte. Und das alles ohne Dengler und dessen (als so unersetzlich beschriebene) Ideen – man durfte staunen.

Nun also „El Pintor“. Ob man nun über das Buchstabenrästel lächeln will oder nicht, das Album ist wie erwartet ein seltsam indifferentes geworden. So richtig viel Neues wagt es nicht, sieht man einmal von den vorsichtigen Ausflügen in die souligen Diskozeiten der 70er ab, die bei „Same Town, New Story“ und „My Blue Supreme“ durchklingen. Beiden Stücken mischen Interpol neben den üblichen harschen Riffs ein paar mehr oder weniger funkige Akkorde unter, besonders dem erstgenannten bekommt das richtig gut und man möchte fast den matten Glanz der Glitzerkugel im schummrigen Nebel erkennen. Der Rest der Songs orientiert sich, wenn man eine grobe Marschrichtung ausmachen will, eher am druckvollen, perkussiven Stil von „Antics“ – schon bei den ersten drei Stücken pumpt der Bass so gewaltig, als wollten sie gar keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie solches noch hinbekämen.

Und auch wenn „Everything Is Wrong“ und „Breaker 1“ erfreulich rough und stellenweise so wunderbar dramatisch (wie wirklich nur sie es können) daherkommen – sie gönnen dem Zuhörer nicht die geringste Atempause. Alles ist dicht gedrängt und geschichtet, wo auf dem Vorgänger noch kleinere Überraschungsmomente versteckt und Spannungs-Breaks gesetzt waren, da rollt hier unentwegt ein Brecher nach dem anderen Richtung Trommelfell, „Ancient Ways“ und „Tidal Wave“ nimmt man so fast nur noch als dröhnende Soundmassen wahr. Warum Banks, Kessler und Fogarino hier nicht auf mehr Unterscheidbarkeit und Zwischentöne gesetzt haben, will sich nicht so recht erschließen. Irgendwie hat man den Eindruck, sie wollten auf keinen Fall etwas falsch machen und so richtig schlecht klingt sie ja auch nicht, die Nummer Sicher. Nur eben etwas wenig abwechslungsreich und gerade so, als habe jemand Angst gehabt, in einem stillen Moment zur Besinnung zu kommen. www.interpolnyc.com

Den Komplettstream des Albums gibt es u.a. bei deutschen Musikexpress.

25.01.  Köln, Paladium
04.02.  Berlin, Columbiahalle

Die Sterne: Lippenbekenntnisse

Der dritte Clip im Tagesrundumschlag: Schöne Frau, klasse Song, irre Stadt - Die Sterne haben zu "Mein Sonnenschirm umspannt die Welt" ein Video in New York aufgenommen, Lip-Sync rules! Gedreht hat Constantin von Hartenstein, das Stück stammt natürlich vom eben erst veröffentlichten Album "Flucht in die Flucht", das man hier, wenn man schnell ist, noch immer für lau bekommen kann...

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen: Bildungsfernsehen

Na Junge, hier kannste noch wat lernen: Wer den Song "Kennst Du Werner Enke?" von der Liga der gewöhnlichen Gentlemen schon vor Jahren live gehört hat, der hatte natürlich genügend Zeit zum investigativen Rumgegoogel und weiß bereits, das Enke ein Berliner Schauspieler und Drehbuchautor war und an der Seite von Uschi Glas in "Zur Sache, Schätzchen" bekannt wurde - für alle, denen der Song erst seit aktuellen Album "Alle Ampeln auf Gelb!" ein Begriff ist, gibt's hier eine paar Winke mit dem Zaunspfahl von der Band persönlich.

Kraftklub: Achtung - Ironie!

Soll ja ernsthaft noch Leute geben, die für Kraftklub und ihren aktuellen Song "Unsere Fans" einen permanent blinken "Ironie"-Button brauchen, damit sie auch ja hinter den Sinn des Tracks steigen. Der Hinweis fehlt leider auch beim dazugehörigen Video - wollen wir also hoffen, dass deshalb nicht ganz so viele kopfschüttelnd der Band den Rücken kehren ...

Samstag, 30. August 2014

Asa: Fast wie die große Schwester

Asa
„Bed Of Stone“

(Naive/BMG)

Das gesprungene Brillenglas auf dem Cover des Vorgängeralbums ist noch in guter Erinnerung, sinnstiftendes Detail in modischem Accessoire – neben Asa‘s Vorliebe für Tom Ford ließ sich daraus vielleicht der Antrieb erkennen, westeuropäischen, radiotauglichen Pop mit ihren eigenen Mitteln zu brechen. Schon“Beautiful Imperfection” also, mit dem die nigerianisch-stämmige Französin 2010 ihren kommerziellen Durchbruch schaffte, lebte von der meist gelungenen Kreuzung von anschmiegsamem Downtemposoul mit einer Vielzahl von Stilelementen des Jazz, R’nB und Reggae, nicht zu vergessen die Einflüsse ihres afrikanischen Heimatlandes – nicht ohne Stolz verweist sie hier gern auf die Parallelen zu ihrem großen Vorbild Sade Adu. Dieser gelang ja zu ihren Hochzeiten ein verblüffender, geheimnisvoll zarter (und manchmal auch ein klein wenig anrüchiger) Barjazz, der immer gern mit dem Mainstream flirtete, aber doch so eigenständig und originär blieb, dass er die endgültige Vereinnahmung durch formatierte, loungige Dutzendware nicht fürchten musste.

Einen ähnlichen Spagat versucht also auch Bukola Elemide, wie Asa mit Geburtsnamen heißt, ihre Stimme ist dabei weit rauer und auch bei der Wahl der Worte geht sie forscher zu Werke. Schon der Einstieg zu „Bed Of Stone“ ist eine zornige und unverblümte Anklage, in „Dead Again“ wird dem Partner sehr deutlich gemacht, dass sein „fucking bullshit“ gehörig an den Nerven zerrt und auf Dauer ihrer Gesundheit schadet – ein laienschauspielender Jesus ist so ziemlich das Letzte, was sie für eine Beziehung braucht. Sollte wieder jemand den Vergleich mit der Kuschelklampfe Tracy Chapman bemühen wollen – der Song sollte vom Start weg für klare Verhältnisse sorgen. Gleiches gilt im Übrigen auch für den düsteren Stomp von „Satan Be Gone“, aus dem sich durchaus kurze Verweise auf kultische Voodoobeschwörungen heraushören lassen.

Leider geraten Asa einige Stücke des Albums – Kehrseite der besagten Gratwanderung – dann aber garzu brav und gefällig. Ein paar weltmusikalische Einschübe wie bei „Eyo“ oder Verse in ihrer Heimatsprache („Grateful“) lassen noch aufhorchen, dazwischen drängen sich aber zu viele der dick aufgetragenen Soulschmonzetten, wie sie Emeli Sande, Alicia Keys und Mary J. Blige im Programm haben, Stücke, bei denen die Unverwechselbarkeit dann eben verschwindet. Erst gegen Ende besinnt sie sich wieder auf ihre speziellen Qualitäten, die Rocksteady-Klänge von „Situation“ ziehen einen wieder am Schlafittchen aus dem Schmuss-Topf, „New Year“ kommt mit sattem Funk und selbst die ironisch-traurige Ballade „The One That Never Comes“ bringt mit gefühligen Pianotakten die durchwachsene Platte zu einem versöhnlichen Abschluss. Möglich, dass Asa genau die Momente, bei denen ein Werk zwischen gehaltvoll und belanglos balanciert, reizvoll findet – bis jetzt hat sie diese jedenfalls ordentlich gemeistert. http://asa-official.com/

20.09.  Hamburg, Reeperbahnfestival

Zola Jesus: Naturgewalten

Erste Bilder gibt es vom kommenden Album "Taiga" von Zola Jesus zu bestaunen - den Song "Dangerous Days" hat sich die Elektronikfachfrau von Timothy Saccenti, der auch schon für Depeche Mode, Animal Collective und Franz Ferdinand gearbeitet hat, visualisieren lassen - das Ergebnis ist eine Mischung aus Naturfilm und Kunstkino.

Freitag, 29. August 2014

Element Of Crime: Nun also auch ihr

Irgendwann hat Sven Regener mal über die Tierfilmkucker gespottet - nun kommt er selber mit seinen Lieblingstieren um die Ecke: Am 26. September nämlich soll "Lieblingsfarben und Tiere", das 13. Studioalbum von Element of Crime erscheinen - das Video des Titelsongs kann man sich schon auf der Website der Band anschauen, klar, dass da auch ein nicht ganz so unbekannter Schwan eine Rolle spielt. Eine Tour zur Platte gibt es natürlich auch.

20.02.  Erlangen, Heinrich-Lades-Halle
24.02.  Stuttgart, Theaterhaus
25.02.  Stuttgart, Theaterhaus
26.02.  München, Zenith
27.02.  Dresden, Alter Schlachthof
28.02.  Leipzig, Haus Auensee
02.03.  Frankfurt, Jahrhunderthalle
03.03.  Köln, Palladium
04.03.  Bochum, Jahrhunderthalle
05.03.  Hannover, Swiss Life Hall
07.03.  Bremen, Pier 2
08.03.  Hamburg, Alsterdorfer Sporthalle
17.03.  Berlin, Tempodrom
18.03.  Berlin, Tempodrom

Donnerstag, 28. August 2014

Die Sterne: Fast am Ende

Die Sterne
„Flucht in die Flucht“

(Staatsakt)

Hat irgendwer Angst gehabt, Frank Spilker, mit über fünfundvierzig noch zum Jungautor und Generationensprecher ausgerufen, hätte so viel Geschmack an Schreiberei minus Gesang gefunden, dass er zukünftig nur noch den Platz zwischen zwei Buchdeckeln, aber nicht mehr den am Mikrophon ausfüllen wollte? Umsonst gezittert, Die Sterne spielen wie eh und je ihren lässigen Desillusionistenrock, der zuletzt ja eher ein -pop war. Und man sollte sich nicht täuschen lassen: Auch wenn sich die ersten Takte von „Wo soll ich hingehen“ noch wie die eines beschwingtes Sinnsucherliedchens ausnehmen, das wandelt sich recht schnell zum Psycho(sen)dance auf dem Vulkan. Die Hamburger haben ja für die Nachfolgeplatte von „24/7“ eine Reihe von Gästen im Studio begrüßen dürfen – neben Zucker und Der Bürgermeister der Nacht, die einen mehr als formidablen Backgroundchor abgeben, waren auch Daniela Reis und Fritzi Ernst von Schnipo Schranke zum Produzenten Olaf O.P.A.L. geladen – zudem raspelt Alexander Hacke ganz wunderbar gemeinsam mit Spilker das Zombiestück „Ihr wollt mich töten“.

Der Sound zur vielstimmigen ‚Flucht‘ ist dabei wandlungsfähiger denn je, auf den derben Rockfetzen zum Überwachungsstaat zweipunktirgendwas („Menschenverachtendverliebt“) folgt angejazzter Elektrosoul mit blumfeldschem Lyrikpatchwork („Innenstadtillusionen“), nach dem Fuzzfunk von „Hirnfick“ gibt’s flotten Aussteiger-Rock’n Roll („Mach mich vom Acker“) und die dunkel spotzende Metapherndisko „Der Bär“. Irgendwie geht es immer weiter in Richtung Abgrund, ein schiefes und gequältes Grinsen zur Kapitulation („Hier kommt das Ende, wir haben alles versucht, hier kommt die Wende, hier kommt die Flucht in die Flucht“), besser wird es sicher nicht mehr („mit Job Scheiße und ohne auch“) und zu schlechter Letzt kommt man dann in die „Miese kleine Winterstadt“ und die ist so irre kalt und kaputt, dass einem ganz klamm wird ums ängstlich pochende Herzchen – „Wie wär’s denn mal mit warm?“ fragt man kleinlaut und kennt doch die Antwort schon…

Richtig heiter wird’s hier also nicht, wie auch – die Hälfte des Lebens vorbei, aller Träume beraubt, die Aussichten mehr als trübe. Auch Spilker hat offenbar zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel und gibt dennoch, so versichert er dem allerletzten Idioten, jedwedem Shitstorm zum Trotz den Störrischen, den Unbeugsamen („Mein Sonnenschirm umspannt die Welt“). Das Mittelmaß regiert die Welt schon zu lange und hat sie, (s)ein Dauerthema, endgültig ruiniert, weshalb es sich denn auch ganz wunderbar bissig spotten lässt. Das Beste gibt’s zum Schluss: „Wie groß ist der Schaden bei Dir?“ – „männlich, weiß, hetero, Mittelschicht sowieso … ohne Wut, ohne Zorn, so macht man es allen recht.“ Spilker und seine Sterne bleiben, soviel ist klar, gallig genug, altersmilde sollen andere. Sie dagegen wippen weiter mit ausgestrecktem Mittelfinger zum Herzschlag der kränkelnden Republik – irgendwie auch ein Trost. www.diesterne.de

Dem schnellsten Komplettleser winkt wie so oft das passende Giveaway: Einfach eine Mail an info@mapambulo.de mit passendem Betreff, Name und Adresse und dann kommt mit Glück die Platte für lau per Post.

08.11.  Münster, Sputnikhalle
09.11.  Köln, Gebäude 9
10.11.  Stuttgart, Wagenhallen
11.11.  Zürich, EXIL Klub
13.11.  Frankfurt, Zoom
14.11.  Heidelberg, Karlstorbahnhof
15.11.  Erlangen, E-Werk
16.11.  München, Strom
17.11.  Graz, ppc
18.11.  Linz, Posthof
20.11.  Dresden, Beatpol
21.11.  Leipzig, Conne Island
22.11.  Berlin, Lido
31.11.  Hamburg, Uebel Und Gefährlich

Mittwoch, 27. August 2014

2:54 Das andere Ich

Angekündigt war das gute Stück schon länger, nun also folgen die Fakten: Die Geschwister Hannah und Colette Thurlow kündigen als 2:54 für November ihr zweites Album an, "The Other I" soll bei Bella Union erscheinen, "In The Mirrior" ist die zweite Kostprobe.

Dienstag, 26. August 2014

Morrissey: Hätte, wäre, wenn

Zwischendrin war ja nicht mal klar, ob es überhaupt eine neue Platte geben würde, die er auf seiner Europatournee promoten könnte - sein Label hatte ihn erst vor die Tür gesetzt, dann selbiges dementiert und einige Händler nahmen "World Peace Is None Of Your Business" schon aus dem Regal. Sei's drum, nun kommt Morrissey doch noch auf einen Schwenk auf's Festland und wenn es denn wirklich klappt mit der Gesundheit (und ihm nicht wieder einer seiner Supports eine Virusgrippe an den Hals schafft), dann sollten sich damit einige seiner Fans versöhnen lassen.

24.10.  Wien, Konzerthaus
05.11.  Hannover, Capitol
23.11.  Berlin, Columbiahalle
24.11.  Essen, Colloseum

Montag, 25. August 2014

Niels Frevert: Denke lieber ungewöhnlich

Niels Frevert
„Paradies der gefälschten Dinge“

(Grönlandrecords)

Es gibt wirklich nicht viele wie Niels Frevert. Jemanden, der die Worte mit viel Bedacht ordnet und zusammensetzt und sie am Ende doch so klingen läßt, als hätten sie sich in einem unbeobachteten Moment heimlich aus seinem Kopf gestohlen, als wären die seltsam holprigen Sätze, scheuen Gebilden gleich, gar nicht für uns da draußen gedacht. Es ist ein eigenartiges Vorurteil, dass (auch) ein guter Popsong nur in gereimter Form funktionieren kann – Frevert ist ganz sicher kein Anhänger dieser plumpen These. Er zwingt nichts ins Verskorsett, schlägt seine Gedanken nicht mit dem Holzhammer in Passform – er läßt sie für sich stehen, im besten Falle sogar schweben. Man kann das schwer beschreiben, aber vielen Dingen, die man zu kennen glaubte, gibt er eine neue Betonung, einen anderen Zungenschlag mit auf den Weg und schon klingen sie anders, auf einmal sind die Geschichten solche, denen man wieder zuhören mag.

Lieder also vom Wunder, wenn sich der eine zum anderen fügt („…plötzlich will ich irgendwann mal alt werden“, Das mit dem Glücklichsein ist relativ), vom berührenden, bedrückenden Anruf des Freundes aus der Psychiatrie (Schwör), die schelmisch lächelnde Betrachtung der „sternhagelvollen“ Heimatstadt Hamburg, die sich eines Kirchentages erwehren muss (UFO), ein Song, der einem nicht mit den üblichen Sarkasmen kommt, sondern gern auch mal eine Ecke weiter gedacht werden möchte. Frevert bleibt, trotz der ungewöhnlichen (und somit neuen) Opulenz der Stücke ein Kammermusiker und ein stiller Zauberer der Nachhaltigkeit, der einen mit dem Nachhall, auf zweiten Schlag erwischen will.

Manches muss man dann mehrmals hören, um hinter den Sinn zu kommen, den er gut zu verstecken weiß, er zwingt einen zum Aufmerken. Das windschiefe „Muscheln“ zum Beispiel von einem Unfall und seinen Folgen, „Alles muss raus“, eine Entgiftung, gesungen mit der Leidenschaft und Sinnlichkeit eines Rufus Wainwright und nicht zuletzt „Die Abbiegung“ – Abrechnung, Schlussstrich und traurige Kapitulation, verbunden mit der wagen Hoffnung „dass man sich irgendwann neu begegnen kann“. Frevert hat in einem Interview zu seinem letzten und ebenso großartigen Album „Zettel auf dem Boden“ gesagt: „Das Leben ist zu kurz, um eine halb gute Platte abzuliefern“, er meint es ernst damit und hat sich selbst beim Wort genommen – mehr als viele andere Sachen, die man sonst zu hören bekommt, ist das „Paradies der gefälschten Dinge“ eine Aufforderung zum Nachhören und -denken, eine, der man gern nachkommt.

17.11.  Düsseldorf, Zakk
18.11.  Frankfurt, Brotfabrik
19.11.  Saarbrücken, Garage
20.11.  München, Orangehouse
21.11.  Wien, B72
22.11.  Dresden, Scheune
27.11.  Zürich, Bar Rossi
03.12.  Lingen, Alter Schlachthof
04.12.  Bremen, Lagerhaus
05.12.  Köln, Luxor
06.12.  Münster, Gleis 22
07.12.  Stuttgart, ClubCANN
09.12.  Mannheim, Alte Feuerwache
10.12.  Erlangen, E-Werk
11.12.  Berlin, Lido
12.12.  Hamburg, Mojo
13.12.  Flensburg, Volksbad

Samstag, 23. August 2014

Phillip Boa And The Voodooclub: Wir sind die Alten

Phillip Boa And The Voodoo Club
„Bleach House“
(Cargo Records)

Kürzlich im deutschen Kino zu sehen: Eine halbwegs amüsante WG-Komödie, in welcher ein paar Studenten meinten, neu hinzugezogenen Altachtundsechzigern das (Über)Leben in der Neuzeit erklären zu müssen, letztlich aber am Selbstverständnis der patenten Seniorengang scheiterten – Titel „Wir sind die Neuen“. Als Aufhänger für diese Review ist das natürlich nur bedingt zu gebrauchen. Phillip Boa, so etwas wie der knurrige Ur-Onkel des deutschen Indierock, ist zwar in den Sechzigern geboren, hat aber trotz seiner liebevoll gepflegten Aussteigerattitüde (Stichwort: Malta) mit den historischen Wirren damaliger Zeiten herzlich wenig am Hut. Der Umstand, dass der gebürtige Dortmunder mit gut fünfzig noch laut und störrisch ist und dies in immer neue Platten fasst, zeugt eher davon, dass er den Jungen nicht zeigen möchte, wie sondern dass er es noch kann. In diesem Sinne ist auch der Nachfolger des respektablen „Loyalty“ aus dem Jahr 2012 nicht mehr und nicht weniger als ein gelungenes Statement, frei nach dem Motto „Wir sind die Alten – und wir rocken noch“.

Und auch wenn seine ohnehin wenig wandlungsfähige Stimme im Laufe der Zeit noch brüchiger und dünner geworden scheint, so macht er dieses Manko durch eine musikalische Vielschichtigkeit wett, die auch den Freunden der alten Voodooclub-Platten mindestens Respekt abnötigen muss. Von der fett hämmernden Krachpunkmaschine, die er gleich zu Beginn mit „Kill The Future“ anwirft und für Stücke wie „Down With The Protocols“ und „Icons Of Anarchy“ am Laufen hält, über die Ausflüge in den Metal der Voodoocult-Zeiten bei „Snake Plissken“ oder der Zugabe „Capping“ bis hin zum warmwattigen Schunkler „Are You The One From Heaven“ – Boas größtes Verdienst ist es wohl, für diese Variationen den spröden Eigensinn der vergangenen Jahre mit der stets wachen Neugier zu verbinden, er wirkt, um im Bilde zu bleiben, nicht so eitel und selbstgefällig wie die Leinwandrentner aus Hollywood, denen das Testosteron die Hirnmasse vernebelt hat. Davon abgesehen war der Mann für Albernheiten ohnehin nie zu haben.

Dabei gelingt bei weitem nicht jedes der Stücke – „Baby Please Go Home“ und „Beatsy Youth“ sind zwar hart, wirken aber etwas zerrissen und inspirationsarm, auch das kantige „Ueberblendung“ hinterlässt einen seltsamen Eindruck. Richtig gut dagegen ist Boa dann, wenn er dem gebremsten Riffrock ein paar anschmiegsame Melodien draufschafft – ob das nun synthetische (wie im feinen „Standing Blinded On The Roofstops“) oder locker swingende zusammen mit seinem neuen Female Sidekick Pris („The Fear That Falls“) sind, er kramt ein paar Ideen aus und hat sofort eine Handvoll Hits parat. Seinen ‚signature moove‘ und also Erinnerung an Glanztaten wie „Container Love“ und „Fine Art And Silver“ hebt er sich für „Chronicles Of The Heartbroken“ auf – verführerische Klänge, Oboentupfer, solange ihm solches noch gelingt, muss einem um den alten Mann nicht bange sein. Ein Herbstalbum, nicht perfekt, aber milde schimmernd und wenn’s drauf ankommt, noch mit dem nötigen Biss. http://www.phillipboa.de/

05.11.  Marburg, Kulturladen KFZ
06.11.  Mainz, KUZ
07.11.  Magdeburg, Factory
08.11.  Dresden, Alter Schlachthof
13.11.  Nürnberg, Hirsch
14.11.  Karlsruhe, Substage
15.11.  Köln, Essigfabrik
28.11.  Bremen, Kulturzentrum Lagerhaus
29.11.  Hamburg, Markthalle
04.12.  Göttingen, Musa-Saal
05.12.  Erfurt, HsD Gewerkschaftshaus
06.12.  Berlin, Huxleys Neue Welt
07.03.  München, Strom

Freitag, 22. August 2014

Henry Rollins: Fuck Suicide [Update]

Nicht erst seit dem Freitod von Schauspieler Robin Williams ist das Thema Suizid in den Medien ein großes. Und ein schwieriges dazu. Freimütige Äußerungen dazu, sei es dafür oder dagegen, trauen sich wenige öffentlich zu machen, Berichte und Erhebungen sind selten, da die Gefahr von Nachahmungen offenbar als zu gefährlich eingestuft wird. Henry Rollins, Hardcore-Urgestein, hat nun auf dem Netzportal von LA-Weekly seine Meinung in einem Essay niedergeschrieben, in welchen er auch dezidiert und recht schonungslos Robin Williams und seine Rolle als Familienvater und die daraus resultierende Verantwortung einbezieht. Diskussionswürdig, allemal.

"How in the hell could you possibly do that to your children? I don’t care how well adjusted your kid might be — choosing to kill yourself, rather than to be there for that child, is every shade of awful, traumatic and confusing. I think as soon as you have children, you waive your right to take your own life. No matter what mistakes you make in life, it should be your utmost goal not to traumatize your kids. So, you don’t kill yourself."

Update: Und schon ein paar Stunden später folgt die große Entschuldigung bei http://henryrollins.com/news.

Donnerstag, 21. August 2014

The Drums: Kleine Taschenlampe brenn...

Schritt für Schritt der Vollkommenheit ein Stück näher: Auch wenn wir noch nicht wissen, ob es ein vollkommen misslungenes oder vollkommen geniales Album geworden ist, was The Drums da am 26. September veröffentlichen - ein weiterer Song, das besser zu beurteilen, kann ja nicht schaden. Und so kommt "I Can't Pretend" mit wunderbarem Taschenlampencover gerade recht.

Chicks On Speed: Kongenialartstravaganter Punch

Wenn sich die Promotexte zu einer neuen Platte wie eine Mischung aus politischer Kampfschrift und Kunstpamphlet lesen, dann ist Obacht angesagt: Die Chicks On Speed oder besser das multinationale, interdisziplinäre und maximal vernetzte Münchner Projekt von Melissa Logan und Alex Murray-Leslie plant am 3. Oktober die Veröffentlichung einer neuen Platte mit dem hübschen Titel "Artstravaganza", auf der Liste der Kollaborateure stehen diesmal Flüstertüte Julian Assange, Yoko Ono, Francesca von Habsburg, Künstler und Kurator Peter Weibel, Angie Seah und Anat Ben David. Die erste Single "Utopia" ist bereits Anfang Juli erschienen, Liveauftritte wie folgt.

10.10.  Bern, Dampfzentrale
06.12.. Berlin, 401contemporary
12.12.  Karlsruhe, ZKM

The War On Drugs: Schönheit in Überlänge

Das Stück hat Überlänge und gehört zweifellos zum Besten, was das aktuelle Album von The War On Drugs zu bieten hat: Im März kam "Lost In The Dream" heraus, nun reicht Adam Granduciel ein stimmungsvolles Video zu besagtem "Under Pressure" nach - anschauen kann man sich das bei Vevo.

Mittwoch, 20. August 2014

Thurston Moore: Ganz der alte

Wandlungsfähig ist er ja: Im vergangenen Jahr die Neugründung von Chelsea Light Moving, in diesem wiederholt Ausflüge in Richtung Metal - man kann Thurston Moore kaum vorwerfen, er ließe es nach der Trennung von Langzeitpartnerin Kim Gordon gemütlich angehen. Um das zu unterstreichen, kommt nun die Ankündigung seines vierten Soloalbums um die Ecke - nach "Demolished Thoughts" (2011) also Mitte Oktober "The Best Day". Mit dabei auch Steve Shelley von Sonic Youth und Debbie Googe von My Blood Valentine - das Titelstück darf man sich auch schon mal anhören - fast schon old school.


J Mascis: Aus der Zwischenwelt

J Mascis
„Tied To A Star“

(Sub Pop)

Es soll ja Leute geben, die selbst bei dieser Musik noch das Erbsenzählen anfangen – man kann das, wenn es denn sein muss, ziemlich schnell erledigen: Knappe zweiundvierzig Minuten, verteilt auf zehn Songs, hat J Mascis auf seinem zweiten Soloalbum untergebracht und für vier Stücke (weil es das ist, was der altgediente Fan des Gniedelgottes ja unbedingt wissen möchte) packt er die Elektrische aus. Wirklich wichtig ist das nicht. Mascis zählt unter den Indie-Größen seit nunmehr drei Jahrzehnten zu den unverwüstlichsten und verlässlichsten, in schöner Unregelmäßigkeit taucht, ob nun von Dinosaur jr oder ihm allein eine von diesen mit wunderlichen Covermotiven bestückten Platten auf, kurz nur meldet er sich zu Wort, um dann– so stellt man sich das zumindest vor – wieder in die von ihm selbst erschaffene Zwischenwelt aus freundlichen Kobolden und kauzigen Trollen zu verschwinden.

Wobei die Wortmeldungen im Laufe der Zeiten immer etwas zarter geworden sind. „Tied To A Star“ ist, man traut sich kaum, es niederzuschreiben, fast schon eine Art Folkalbum geworden. Sieht man von den besagten Ausnahmen einmal ab, bei denen er kurz einstöpselt, beschränkt sich der Mann zunehmend auf seinen markanten Wispergesang und akkustische, zurückhaltende Instrumentierung – Piano, Streicher, richtig erschrecken muss hier keiner mehr. Irgendwie hat man auch den Eindruck, den einen oder anderen Titel hätte er doch schon früher schon im Repertoire gehabt und stößt bei der Recherche zumindest auf zum Verwechseln Ähnliches („Come On Down“, „Come With Me“, „Not You Again“ (!) und „Pierce The Morning Rain“). Nerdwissen, schon klar.

Die Songs hier klingen also gewohnt verschwurbelt, zusammen mit Pall Jenkins (Black Heart Procession) und Mark Mulcahy (Miracle Legion) musiziert Mascis mehr leise als laut, wenn er sich dann wie beim Abschlußstück „Better Plane“ aber doch zu ‚laut‘ entschließt, dann wird gejammt und gequengelt, dass sich die graue Mähne in den malträtierten Saiten zu verfangen droht. Dass für „Wide Awake“ Kollegin Chan Marshall aka. Cat Power dazugebeten worden ist, muss man schon vorher wissen, dem Song selber ist es – etwas schade – leider kaum anzuhören. Übelnehmen wird dem Zausel das niemand, er ist sich selbst und uns genug und weil die Chance, dass er seine Anhängerschaft mit allzugroßen Veränderungen zu verprellen droht, gegen Null geht, kann man das auf einstmalige Treueversprechen nur ein weiteres Mal bekräftigen. http://www.jmascis.com/

Der Komplettstream des Albums steht zur Zeit bei NPR bereit.

Dienstag, 19. August 2014

Haim: The real life

Promialarm bei Dallas Murphy, ähem - Haim: Die drei Mädels haben sich für das Video zum Remix ihres Songs "My Song 5" von A$AP Ferg eine ganze Menge an Celebrities in eine nachmittägliche Trash-Show eingeladen, neben ihnen selbst gehören auch Ke$ha, A$AP Ferg selbst, Ezra Koenig von Vampire Weekend, Grimes, Big Sean, Produzent Ariel Rechtshaid und die Eltern des Geschwistertrios zum Staff. Sehen kann man die amerikanische Version von Vera am Mittag u.a. bei Dailymotion.

Leonard Cohen: Geburtstagsgeschenk

Das ist mal ein Geburtstagsgeschenk, von dem wirklich alle was haben: Leonard Cohen wird am 21. September dieses Jahres glatte achtzig (in Zahlen: 80!) und hat sich gedacht, das könnte er doch mit einem neuen Album feiern. Gute Idee. Nach dem wirklich wundervollen "Old Ideas" wird der Nachfolger "Popular Problems" hier in Deutschland wohl am 19. September erscheinen, also zwei Tage vor der Sause und natürlich gibt es schon einen ersten Song, den man sich anhören kann - "Almost Like The Blues" steht als Stream u.a. bei cbc.music.