Donnerstag, 2. April 2015

Kim Gordon: Vom Suchen und Finden seiner selbst

Kim Gordon
„Girl In A Band“

(KiWi)

“Was ist erschreckender als ein Paar, dass – nach 30 Jahren in einer eigenen Band, nach 27 Jahren Ehe, nachdem sie 17 Jahre gemeinsam ein Kind großgezogen haben – beschließt, die Nase voll zu haben? Während sie Erfolg hatten, waren auch wir erfolgreich.“

Was macht das mit einem, wenn man solche Zeilen über sich lesen muss? Zeilen, geschrieben von einer Online-Journalistin, die implizieren, nun, da man sich getrennt habe, sei man ebenso Schuld am Misserfolg aller anderen? Wie geht man damit um, gefangen in einem Mythos, von dem man nur zu gut weiß, dass er nicht funktioniert hat? Es ist ein altbekanntes Phänomen, dass nicht wenige zu Ikonen stilisierte Menschen, Künstler zumeist, bereitwillig ihren eigenen Ruf auf’s Spiel setzten, um Erwartungen und falsche Bilder zu brechen. Kim Gordon, Mitbegründerin und Bassistin der amerikanischen Noiseband Sonic Youth, mithin gern aufgerufenes und verehrtes Role-Modell für so vieles, Kim Gordon also schreibt ein Buch. Ein Buch, wie es widersprüchlicher nicht sein könnte, so dissonant wie ihre Musik, so umstritten, so ambivalent. Ein Buch, das mit dem Ende beginnt – ohne die Trennung von Thurston Moore, Vater ihrer gemeinsamen Tochter und kreativer Partner, ohne das darauf folgende Ende von Sonic Youth hätte es wohl kein Buch gegeben. Und das mit dem Beginn endet, ihrem Neuanfang, ihrem Re-Start, ihrem Versuch, sich neu zu orientieren nach dem Zerfall so vieler Sicherheiten.



Das Eingangszitat stammt aus dem ersten Kapitel, eines von später folgenden, die schwer zu ertragen sind, wenn man Kim Gordon nicht wirklich näher kennt, sondern ihre Person aus Videos, von Plattencovern und Interviews imaginiert und sie so zum kühlen, in sich gekehrten Rockgirl stilisiert, die alles fest im Griff hat, die nichts erschüttern kann. Über weite Strecken des Textes macht sie einen zum Voyeur wider Willen, zum Mitwisser, dann, wenn sie detailgetreu und mit viel Bitternis die Geschichte ihrer Trennung schildert. Intimste Szenen einer Ehe, die man so genau gar nicht lesen wollte, die ein erschrecken lassen ob der Bereitschaft, all dies dem Boulevard, der gefräßigen Presse auf dem berühmten Silbertablett zu servieren. Die Breite des verlassenen häuslichen Bettes, die verräterischen Mails und Textnachrichten, alle Kümmernisse und Verletzungen werden haarklein beschrieben und für so der medialen Nachnutzung anempfohlen – schon suchen Scharen von Paparazzi nach der geheimnisvollen Person, die beider Beziehung zerstört hat. Sie braucht ihren Groll und ihre Enttäuschung ganz gewiss nicht hinterfragen, aber musste sie es aller Welt zu lesen geben?



Und doch: Viele andere Kapitel zeichnen einen beeindruckenden Bogen vom unfertigen, verunsicherten Mädchen, gestartet in der totenbleichen und lähmenden Sonne Kaliforniens, über die inspirierenden Auslandsaufenthalte mit den Eltern, die Hassliebe zum Moloch New York mit seiner schier unfassbaren Kunst- und Musikszene bis hin zur Familienkommune in Northhampton. Ein Bogen, der vor dem Bildschirm des heimischen Fernsehapparates endet und ein Konzert der eigenen Tochter zeigt, wie diese mit sparsamer, selbstbewusster Gestik ihre Mutter rührt. Wie an einer Perlenkette aufgereiht trifft man die Mitspieler dieser Sinnsuche, Dan Graham, Cindy Sherman, Tony Oursler, Greil Marcus, Lydia Lunch, Henry Rollins und Kurt Kobain. Menschen, die ihr neue Anstöße gaben, die sie die Anonymität New Yorks ertragen ließen oder einfach nur für ein Dach über dem Kopf sorgten. Man erfährt allerlei Erstaunliches über liebgewonnene Alben und Songs, begleitet die Entstehungsgeschichte bahnbrechender Werke wie „Daydream Nation“ oder „Goo“ von der Aufnahme bis zum Coverentwurf.



Auch, dass ihr die Widersprüchlichkeit quasi in die Wiege gelegt wurde, erfährt man. Zärtliche Zeilen über den Professorenvater, dem sie so vieles recht machen wollte und bei dessen Tod sie nicht zugegen sein konnte. Distanziertes über ihre Mutter, die schroff und wenig vertraulich geschildert wird und zu der Gordon erst ganz spät eine tröstende Nähe entwickeln kann. Schmerzvoll und prägend das Verhältnis zum schizophrenen Bruder Keller, den die Familie in den Focus der Aufmerksamkeit stellt, woran die Schwester Zeit ihres gemeinsamen Lebens leidet. Und letztendlich ein unentschiedenes, selten klares Bild ihres Mannes Thurston Moore, liebevoll als Vater, unendlicher Egomane, genial in seinem Tun und doch mit seiner steten Ruhelosigkeit nicht fähig, sich auf die Familie, auf die neue Umgebung fern ab vom quirligen New York einzulassen. So sehr diese Schilderungen versöhnen, so sehr verstören einen später die hinrichtungsartigen Ausfälle gegen Lana Del Rey und Billy Corgan. Eigentlich sollte sie, die sie den täglichen Beschuss der Senstationspresse kennt, die Folge solcher Äußerungen besser kennen.

Vielleicht beherzigt sie aber auch nur den Rat ihrer Eltern, die ihr für den Streit mit dem herausfordernden Bruder empfahlen: „Ach, schlag einfach zurück!“ Zurückschlagen, laut werden, auch mal gemein, das vertrug sich bislang nicht mit dieser Frau, der ein halblautes „Fuck!“ auf einem Benefizkonzert von Freund Neil Young schon unendlich peinlich war, einer Frau, die sich in der direkten Linie der Frauen ihrer Familie aufwachsen sah – „stoisch, duldsam, keine Fragen, keine Klagen.“ Und so bleibt am Schluss das Bild der zeitlebens Suchenden, nach ihrer Rolle als Tochter, Schwester, Frau, Mutter, Bandgirl und Künstlerin. Und die Vermutung, dass Kim Gordon genau dort, auf der Bühne, den Bass in der Hand, den gesenkten, rhythmisch wiegenden Kopf inmitten eines Orkans an Verzerrungen und Wortfetzen der selbstbestimmten Identität, die sie so dringend zu finden wünscht, am Nächsten kommt. Und das ist dann doch, Gottlob, irgendwie wieder Rock’n Roll.

„Wenn ich auf der Bühne absolut konzentriert bin, empfinde ich mich als eine Art Raum mit einem Rand drum herum, einem Schimmer selbstbewusster, freudiger Sinnlichkeit. … Ich wollte nie etwas anderes sein als das, was ich war.“

Mittwoch, 1. April 2015

Adam Horovitz: Want some advice?

"Girls - to do the dishes
Girls - to clean up my room
Girls - to do the laundry
Girls - and in the bathroom
Girls - that's all I really want is girls
Two at a time - I want girls
With new wave hairdos - I want girls
I ought to whip out my - girls, girls, girls, girls, girls!"

Ähem - Ratschläge von jemandem, der solche Texte gerappt hat? Allen Ernstes? Für Euch, Mädchen!? Aber sicher doch! Adam Horovitz aka. Ad-Rock, einer der drei Beastie Boys, hat sich für Rookie, eine Videoplattform, vor die Kamera seines Notebooks gesetzt, um im Rahmen der Reihe "Ask A Grown Man" Ratschläge an Heranwachsende zu geben. Ein Dr. Sommer mit Coolness-Faktor also. Auch wenn sich der Mann augenscheinlich etwas unsicher ist, ob er die richtigen Tipps gibt. Aber hey, Horovitz ist schließlich mit Riot-Grrrl Kathleen Hanna verbandelt. Wenn der das nicht kann...

Azealia Banks: She's got the look

Das ist dann tatsächlich etwas abgefahren: Azealia Banks ist bekanntlich stets für eine Überraschung gut - letztens kam sie mit der Nachricht, sich für den amerikanischen Playboy ausziehen zu wollen, das Ergebnis war dann eher ein ironisch-glamouröses als etwas für Spanner. Im Video zur aktuellen Single ihres Albums "Broke With Expensive Taste" gibt sie die stahlkalte "Ice Princess" - auch schön anzuschauen.


Franz Ferdinand vs. Sparks: Verpiß dich!

Die Kollaboration war ja schon einige Zeit Thema, jetzt gibt es auch ganz offiziell Töne zum Spektakel: Franz Ferdinand und die Sparks machen für ein Album unter dem Namen FFS gemeinsame Sache, hier ist der Schlußtrack der Platte "Piss Off" und noch einmal die Erinnerung an alle Kölner, das Privileg des "einzigen Indoor-Konzertes in Deutschland" nicht leichtfertig sausen zu lassen, Berlin ist natürlich später auch noch dran.

01.07.  Köln, Gloria
12.09.  Berlin, Lollapalooza

Montag, 30. März 2015

Paul Weller: Sternenkunde zweiter Teil

Einen neuen Song gibt es vom Anfang Mai erscheinenden Album "Saturns Pattern" von Paul Weller - das Titelstück folgt auf "White Sky", das vor einem Monat schon die Runde machte.

Samstag, 28. März 2015

Prag: Der Regen bleibt aus

Prag
Strom, München, 27. März 2015

Gerade erst gelesen: „Das Flüstern des Kein-Ohr-Hasen“ – keine Ahnung, wie man auf so eine Überschrift kommt. Denn Prag haben mit dem Blockbuster von Knautschgesicht Til Schweiger so gar nichts zu tun und sie sind auch weit davon entfernt, eine Nora-Tschirner-Band zu sein. Live noch weniger als auf den zwei Alben, die sie bislang eingespielt haben. Ganze neun Leute nämlich versuchen sich den spärlichen Platz auf der Bühne des Strom zu teilen, neben Erik Lautenschläger und Tom Krimi auch noch Geige, Cello, Trompete, Keyboard, Bass und Schlagzeug – ein stattliches Ensemble. Ja, und eben auch Nora Tschirner. Entertainerin, Schauspielerin, Sängerin und Musikerin, all das ist sie und zwar genau in dieser Reihenfolge. Man möchte ihr nicht unrecht tun, aber am sichersten und entspanntesten wirkt sie tatsächlich, wenn sie zwischen den Liedern mit launigen Ansagen die melancholische Stimmung brechen kann, wenn sie als begnadete Ulknudel, die sie nun mal ist, über Menschenpyramiden, Linedance und die unvermuteten Qualitäten des Wuppertalers quasselt. Ihren zurückhaltenden, manchmal etwas linkisch wirkenden Bandkollegen tut sie damit einen großen Gefallen, dem Publikum, das auch deshalb gekommen ist, sowieso.

Am Instrument fehlt es ihr offensichtlich etwas an Vielseitigkeit und Professionalität, man sieht ihr an, wie sehr sie sich konzentrieren muss, um mitzuhalten und wie gern sie mal richtig in die Saiten hauen würde, wo sie doch die Mimik eines verruchten Gitarrengirls locker draufhätte. Auch stimmlich sind die Grenzen eher eng gesteckt, so richtig in den Vordergrund gelangt sie weder solo und noch in Begleitung, dafür fehlt es am nötigen Volumen. Genug davon, all das ist erfreulicherweise gar nicht so wichtig, die Stücke der drei (bis neun) funktionieren in diesem Rahmen ganz wunderbar, die Band wirkt eingespielt und schafft es so, jedem Song eine schöne, eine eigene Klangfarbe zu verpassen, der das Publikum bereitwillig und phasenweise begeistert folgt. Man hatte ja befürchtet, die mehrheitlich doch recht grüblerische, traurige Grundstimmung des zweiten Albums würde sich nachteilig auf den Abend auswirken, sicherheitshalber wollte man schon einen Indoor-Regenschirm einpacken. Aber der Niederschlag blieb aus, kein bedröppeltes Rumstehen, keine in sich gekehrten Klageweisen, sondern kraftvolles Zusammenspiel.

Schon auf den Platten kann man hören, wieviel Mühe und Sorgfalt die drei in die Texte gesteckt haben, wahrscheinlich würden sie auch als bloße Gedichte funktionieren. Die schwelgerische, raumgreifende Instrumentierung (auf der Konserve wird aus Geige und Cello ein ganzes Orchester) bringen sie aber noch besser zur Geltung, hier bekommen sie die Leidenschaft, die dem bloßen Wortlaut noch fehlt. Auch Leichtigkeit – Stücke wie „Sophie Marceau“ und „Einfach“ sind ja fast schon Klassiker und dürfen natürlich nicht fehlen. Aber auch „Morgentau“, bislang nur auf der Deluxe-Version des neuen Albums zu haben, kann schnell überzeugen und mitreißen. Erstaunlich genug, aber für eine Band, die sich auf die Schwermut eines Leonard Cohen beruft, können sich Prag doch oft ziemlich locker machen. Tee trinken, ein Späßchen hier und da, ein bisschen an sich selbst berauschen und nebenher auch noch gut unterhalten, viel mehr kann man von/an einem Abend nicht erwarten. Prag sind sicher nicht die angesagteste Berliner Band der Stunde, wohl aber eine der am meisten unterschätzten.

Freitag, 27. März 2015

Earl Sweatshirt: Schwarzmaler

Earl Sweatshirt
„I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside“

(SmiCol/Sony)

Also dann, nach Kendrick Lamar – the next Wunderkind: Der gleiche Hype, ein paar Gemeinsamkeiten, aber: Same, same, but different. Für Earl Sweatshirts drittes Album zählen im Vergleich zur Schmetterlingsplatte weder Opulenz noch Kunstfertigkeit, selbst das politische Statement ist zweitrangig. Hier geht es vielmehr um Verweigerung, Negation, um die Fortführung eines Gegenentwurfs, den Buddie Tyler mit seiner Odd Future Wolf Gang Kill Them All vor fünf Jahren lostrat und der all jene verunsichern sollte, die sich gerade an die Rückkehr des sehr stylischen, aber auch sehr braven HipHops von Jay-Z, Kanye West und Kid Cudi gewöhnt hatten. Was jetzt kam, war rude, silly, dirty, war provokant und puristisch und irgendwie ziemlich faszinierend, die Soundtracks dazu hießen „Goblin“, „Doris“ und „Wolf“, die Ästhetik war monochrom, die Stimmung reichte von bedrohlich bis zappenduster.

Das ändert sich auch mit dem schwarzen Album von Earl Sweatshirt nicht – es ist nur halb so lang wie das parallel veröffentlichte Geniestück von Lamar und auch nur halb so langsam. Der Name der Platte also Programm – alles reduziert, abgebremst, heruntergedimmt und verhangen, man sieht Thebe Neruda Kgositsile, so sein Klarname, förmlich, wie er sich in seinem Zimmer und Studio vergraben hat, um Albträume und Angstgestalten zu beschwören. Ihm dabei zuzuhören ist nicht immer einfach, das somnambule Raunen und die quietschende, scheppernde Geräuschkulisse, begleitet von dumpfem Gewummer, läßt den Zuhörer desöfteren frösteln. Und doch bleibt man dabei, weil die düstere Kälte einen irgendwie am Haken hat und nicht mehr freigeben will.

Die technoiden Backing Tracks lassen einen zuweilen an Spezialisten für Tiefgefrorenes wie ARCA oder Haxan Cloak denken, wohl wissend, dass Sweatshirt selbst als randomblackdude hinter den Reglern stand. Selbst wenn sich wie bei „AM//Radio“ ein souliger Loop in die Klangkulisse verirrt, auch wenn die Kollegen Vince Staples und Darien Dash auf ein paar Raps vorbeischauen – die betäubte und betäubende Atmosphäre ändert sich dadurch kaum, ebensowenig die Anziehungskraft, die „I Don’t Like…“ auszuüben vermag. Das ist zwar nicht die hohe Schule der populären Unterhaltung, aber beeindruckend konsequent am Massengeschmack vorbei produziert. Und verdient genau deshalb ebensoviel Respekt wie das eingangs erwähnte Meisterstück von Kendrick Lamar.


Martin Gore: Knopfparade

Sehr sparsam war er da, der Martin Gore, als er das Video zur ersten Single "Europa Hymn" für sein neues Album "MG" hat machen lassen. Produziert hat den Clip das Studio M-I-E, wo auch schon Arbeiten für Faithless, George Michael, die Olympischen Spiele in London, Beyoncé oder Joey Bada$$ über die Schneidetische liefen.

Jamie xx: Alles so schön bunt hier

Na, da war die Warterei doch für 'was gut: Jamie xx hat ja für Anfang Juni sein Soloalbum "In Colour" angekündigt - ein Blick auf das Cover der Platte zeigt, dass er es damit ernst meint. Auf dem Debüt befinden sich, wie sollte es anders sein, auch gemeinsame Arbeiten mit seinen Kollegen von The XX, zwei Stücke mit Romy Madley Croft, eines mit Oliver Sim, auch Four Tet und Young Thug sind mit dabei. Die Single "Loud Places" gibt's hier schon mal als Clip zu sehen.


Donnerstag, 26. März 2015

Ceremony: Edle Kühle

Kürzlich schon im Gespräch - jetzt mit ein paar Daten mehr unterfüttert: Ceremony haben für Mitte Mai ihr neues Album "The L-Shaped Man" angekündigt. Die erste Single wird "The Seperation And The Understanding" heißen und dafür gibt es auch schon paar Bilder. Das Stück ist für ihre Verhältnisse ungewohnt kühl und zahm, Vergleiche mit Joy Division, die ja sonst so locker sitzen, drängen sich hier auf.


Run The Jewels: Clash of Colours

So viele gute Tracks dieses Album hat, so viele Videos gibt es auch dazu: Eines der stärksten Stücke von "RTJ2", der letzten Platte von Run The Jewels, war "Close Your Eyes (And Count To Fuck)" mit Zack de la Rocha - zu diesem existiert nun ein Clip, entstanden unter der Regie von AG Rojas. Von ihm wiederum stammen Arbeiten mit Earl Sweatshirt, Spiritualized und Gil Scott-Heron, das neueste Werk kommt als stilisiertes Handgemenge mit überraschendem Ausgang daher, Rojas Statement zum Dreh kann man bei Stereogum lesen.

Death Cab For Cutie: Lebenslänglich

Death Cab For Cutie
„Kintsugi“

(Atlantic/Warner)

Wenn Worte wie „Schock“ oder „Aderlaß“ im Pop die Runde machen, ist Vorsicht geboten. Begleiten sie doch auf meist übertriebene Art und Weise die arbeitsrechtliche Trennung von Band und Mitgliedern oder im traurigsten Falle die Auflösung derselben. Schon Stepi Stepanovic wusste darauf die einzig gültige Antwort: „Lebbe geht weider“ – und das tut es ja dann auch. Nun ist Death Cab For Cutie nicht irgendeine Jahrmarktskombo und Chris Walla beileibe kein unbeschriebenes Blatt, aber nach siebzehn Jahren gemeinsamen Musizierens ist der Wunsch nach Veränderung kein unverständlicher, gerade wenn mit ihm und Ben Gibbard gleich zwei geniale Alphamännchen die Geschicke einer Formation zu lenken versuchen. Im Sommer vergangenen Jahres also sein Ausstieg und natürlich die bange Frage: Wie weiter? Nun, die vorliegende Platte wird eine befriedigende Antwort nicht geben können, ist sie doch komplett unter Wallas Mithilfe entstanden.

Und wenn man alle Grübeleien und Bedenken mal beiseite schiebt, dann muss man anerkennen, dass zumindest für den Zuhörer bis zum Abschluss der Produktion alles in bester Ordnung gewesen sein muss, denn „Kintsugi“ kann sich sehr wohl mit seinen hochgelobten Vorgängern messen. Death Cab For Cutie zählten ja seit jeher zu den wenigen Bands, die (durch welche Umstände auch immer) an die begehrte Geheimformel für perfekte Popsongs geraten sind, Platte um Platte präsentierten sie verteufelt eingängige und gefühlige Stücke, die einem den Atem nehmen konnten, ohne in Kitsch und hohlem Pathos zu ersaufen. Und daran mangelt es auch der neuen Scheibe nicht: Ob das dunkel schimmernde „Black Sun“, ein zartes Liebeslied wie „Hold No Guns“, die betörende Ode an die kindlich-weibliche Unschuld „Ingenue“ oder das Sehnsuchtsbekenntnis von „Little Wanderer“ – man könnte problemlos „alle“ sagen und träfe keinen falschen.

Wie genau sie das schaffen, läßt sich nur vermuten, Wallas Gitarrenspiel wird seinen Teil ebenso dazu beitragen wie Gibbards weiches Timbre und ganz allgemein die ausgefuchsten Kompositionen. Elektronik wird wie bei den letzten Alben eher spärlich eingesetzt, das Pendel schlägt zu gleichen Teilen in Richtung Indiepop und –rock und so richtig hart wird letzterer nur ganz selten. Vielleicht treffen sie mit ihrer Art des Songwritings dauerhaft einen Nerv, ein Bedürfnis nach Sanftheit, Bedachtsamkeit und ein bisschen Romantik. Gibbard selbst sieht das etwas skeptisch: „One of the things about our band that is interesting is that, if you make a record that has a certain kind of impact at a certain time in a person’s life, it becomes almost impossible to create that kind of moment again with the same listener (Stereogum).” Bis jetzt jedenfalls ist ihnen das, seiner Meinung zum Trotz, ein jedes Mal gelungen – warum sollte es mit dieser Platte anders sein ... http://blacksun.deathcabforcutie.com/

Leftfield: Alternativlos

Hammernachricht - die nächste: Das britische DJ-Duo Leftfield, bekannt durch die beiden bahnbrechenden Alben "Leftism" (1995) und "Rhythm And Stealth" (1999) und maßgeblich für die Stilrichtung Intelligent Dance Music verantwortlich, haben ihre Rückkehr bekanntgegeben. Anfang Juni soll demnach ein neues Werk mit dem Titel "Alternative Light Source" erscheinen und Kollaborationen mit Channy Leaneagh (Poliça), Ofei, Tunde Adebimpe (TV On The Radio) und Sleaford Mods beinhalten. Die erste Auskopplung nennt sich "Universal Everything".

Mittwoch, 25. März 2015

Courtney Barnett: Electric Ladyland

Courtney Barnett
„Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit.“

(Marathon Artists)

Wem das Folgende zu banal und/oder zu persönlich ist, der sollte jetzt besser ein paar Zeilen überspringen. Denn es wird Zeit für ein Bekenntnis: Heimlich wünscht sich wohl mancher Vater einer heranwachsenden Tochter, aus ihr würde mal eine ähnlich selbstbewusste und selbstbestimmte junge Frau werden wie Courtney Barnett. Das liegt natürlich zu einem nicht geringen Teil daran, dass Barnett ziemlich laut und ziemlich gut Gitarre spielt - warum sich gerade dieser Sachverhalt so faszinierend auf Männer auswirkt (Hashtags: Kim Gordon, Kim Deal, PJ Harvey, Kate Nash, … you name it), muss ein jeder selbst mit seinem Frauenbild oder Therapeuten ausmachen. Hinzu kommt, dass Barnett auf eine sehr erfrischende und hemdsärmelige Art mit ihren Lebensumständen umgeht – es ist anzunehmen, dass auch im stockkonservativen Australien gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht gerade mit lautem Jubel begrüßt werden.

Barnetts Debütalbum klingt trotzdem angenehm unbekümmert, sie spielt ihr Instrument mit ordentlichem Drive und gibt ihm eine wunderbar raue Klangfarbe, an der auch Neil Young, einer der letzten Säulenheiligen in Sachen Feedback und Verzerrung, Gefallen finden dürfte. Gerade die beiden längsten Stücke des Albums, „Small Poppies“ und „Kim‘s Caravan“, sind eher bedächtig bis schwerfällig angelegt und schwurbeln trotzdem gar herrlich. Im Gegenzug stampft das Eröffnungsduo „Elevator Operator“/“Pedestrian At Best“ munter und kraftvoll drauflos, an Stillsitzen ist da wohl nicht zu denken. Auch Barnetts Humor kann eine schnell für sie einnehmen – in einem Interview verriet sie kürzlich, dass viele Textideen in feuchtfröhlichen Jamsessions mit ihrer Band entstünden, auch der Satz „Gimme all your money and i’ll make them origami, honey!“ stammt wohl aus solch einer Sitzung.

Meistenteils sind es sehr persönliche Betrachtungen, die sie zu Lyrics formt, nicht immer aktuell, öfters autobiografisch, stets echt. Kleinstadtdepressionen („Depreston“), Selbstbild trifft Erwartungshaltung („Don't ask me what I really mean, I am just a reflection of what you really wanna see, so take you want from me …”, Kim’s Caravan), es sind die vielen winzigen Allerweltsmomente, die sie sammelt und zusammenfügt: “I'm growing older every time I blink my eyes, boring, neurotic, everything that I despise. We had some lows, we had some mids, we had some highs, sell me all your golden rules and I'll see if that's the kind of person that I wanna be.” Die Erwartungen, die Courtney Barnett mit ihren beiden EPs vor zwei Jahren geweckt hat, hat sie mit dem Album mehr als erfüllt – nun bleibt noch die Hoffnung, dass sich endlich auch die eigene Tochter mal von Taylor Swift, Meghan Trainor und Miley Cyrus emanzipiert – der Papa würd’s ihr danken. http://courtneybarnett.com.au/

12.04.  Berlin, Heimathafen

Torres: Sprinter/Grower

Frauen und Gitarren, wird's gleich noch mehr zu geben. Vorerst mal den Titelsong vom neuen Album "Sprinter" der Amerikanerin Mackenzie Scott alias Torres. Das Stück (wie auch das vorangegangene "Strange Hellos") ist elektrisch, leidenschaftlich, kurz: ein Grower. Selber hören. Das gleichnamige Album kommt Anfang Mai.

Charlie Cunningham: Eindrücklich

Wer aufmerksam mitgelesen hat, dem dürfte "Breather" von Charlie Cunningham nicht unbekannt sein - das Stück stammt von seiner kürzlich bei Butterfly Collectors veröffentlichten, gleichnamigen EP und nun gibt es zum Song auch einen Videoclip, ähnlich eindrucksvoll wie letztens "Lights Off".

Villagers: Mehr davon

Man hört ihm einfach gern zu, dem Conor J. O'Brien, wenn er mit seiner Band Villagers melancholische Folksongs zum Besten gibt. Gelegenheit zur Genüge gibt es bekanntlich am 10. April, denn dann erscheint mit "Darling Arithmetic" deren zweites Album. Und weil die erste Auskopplung "Hot Scary Summer" schon so schön war, gibt es nun noch einen zweiten Vorgeschmack - und wen wundert's, "The Soul Serene" ist nicht minder gelungen.


The Prodigy: Weiche Birne

The Prodigy
„The Day Is My Enemy“

(Vertigo/Universal)

Zunächst einmal die gute Nachricht: Nach ungefähr dreißig Minuten ist die Birne weich. Was anderen Bands eher zum Nachteil gereicht, gilt bei Keith Flint, Liam Howlett und Maxim Reality seit Jahren als unabdingbarer Arbeitsnachweis. Soll heißen: Ihr Handwerk beherrschen die drei auf Album Nummer sechs, ganze fünfundzwanzig Jahre nach ihrer Gründung, noch immer. Man hätte sich allerdings, und da sind wir schon bei den kritischen Anmerkungen, von dem Trio etwas mehr Mut, etwas mehr Risiko gewünscht. Dass sich Brachialdrums, dreckige Gitarrenloops, verzerrte Technobeats und ein paar böse Slogans zu einer hypernervösen und äußerst tanzbaren Mischung verquirlen lassen, haben sie auf den vorangegangenen Alben oft genug bewiesen und wenigstens mit “Music For The Jilted Generation” und “The Fat Of The Land” waren sie so etwas wie die ungeschlagenen Pioniere des soundgewordenen Cyberpunks. Auf einer Spiellänge von knapp sechzig Minuten ist das gewaltige Gewummer (ohne die Zuhilfenahme verbotener Substanzen) aber nur dann erträglich, wenn man ein paar Spannungspunkte zu setzen vermag, derartige Tempoverschleppungen und Stilvariationen waren ihnen auf früheren Alben geläufig, auf “The Day Is My Enemy” fehlen sie leider komplett. Allerspätestens nach “Destroy” ist die Luft raus und die Geduld aufgebraucht, daran kann leider auch der kürzeste und überraschendste Track – die lang erwartete Kollaboration mit den Sleaford Mods (“Ibiza”) – nichts ändern. Allzu ideenlos, allzu gleichförmig gerät der Rest. Die orientalischen Einschübe von “Medicine” werden nach verheißungsvollem Beginn leichtfertig zugeballert, “Beyond The Deathray” und “Invisible Sun” brechen aus der Stampede zwar aus, können aber trotzdem kaum überzeugen. Fazit: Für eine Nacht, für ein Konzert vielleicht ausreichend, an frühere, stilprägende Großtaten reicht das Album aber lange nicht heran. http://www.theprodigy.com/

11.04.  Berlin, Velodrom
12.04.  Hannover, Swiss Life Hall

Captain Capa: Minus 1, Plus 2

Neuigkeiten aus Bad Frankenhausen: Zum einen sind Captain Capa, lange Zeit zu zweit unterwegs, zu einem Trio gewachsen (sagen zumindest Facebook und Audiolith - und die lügen bekanntlich nie), wobei nur Hannes Naumann die Stellung gehalten hat, neu im Team sind Mario (Synths) und Marco (Gitarre). Zudem haben sie eine neue EP fertig, die am 22. Mai erscheinen soll - "Death Of A Hydra" ist der Nachfolger des letzten Albums "Foxes" (2013) und so ganz schlangenmäßig geht's auch auf der ersten Single weiter, "Vipera" der Name. Und weil Freigiebigkeit grad schwer im Kommen ist, gibt's noch ein paar Konzerttermine obendrauf.

02.05.  Köln, Gebäude 9
21.05.  Erfurt, ETC (Centrum)
22.05.  Berlin, Badehaus T
28.05.  Leipzig, Täubchenthal
29.05.  Hamburg, Molotow
30.05.  Flensburg, Volksbad
04.06.  Frankfurt, Elfer Tickets

Dienstag, 24. März 2015

Róisín Murphy: Who's exploiting who?

Das war die Sache mit den "Hairless Toys", so der Albumtitel des neuen Solos von Moloko-Sängerin Róisín Murphy. Mitte Mai kommt es via Play It Again Sam und "Gone Fishing" war die erste Kostprobe daraus - nun kommt der Elektrofunk von "Exploitation" hinterher. Den drei bekannten Deutschlandterminen wurde jetzt im Übrigen noch einer in der Schweiz hinzugefügt.

05.06.  Zürich, Kaufleuten